Im Vorbeigehen
„Wiener Blut“
Ich unterbreche meine Bangkok-Serie kurz für eine vorweihnachtliche Wien-Impression und ein erbauliches kleines Wiener Adventgschichtl.
Ihr seht hier den Kohlmarkt, eine wirklich sehr feine Adresse in Hofburgnähe, und die k. u. k. Hofzuckerbäckerei Demel mit Weihnachtsdeko. Diese traditionsreiche Konditorei erhielt 1874 den Hoflieferantentitel und zählte seinerzeit Mitglieder des Wiener Hofes wie etwa Kaiserin Elisabeth und andere bedeutende Mitglieder der Wiener Gesellschaft wie beispielsweise die Salonniere und Freundin der Kaiserin, die Fürstin Pauline von Metternich, zu ihren Stammkunden.*
1972 wurde der Familienbetrieb aus wirtschaftlichen Gründen an einen gewissen Udo Proksch verkauft. Der „galt als Enfant terrible der österreichischen Gesellschaft. Er sah sich als apolitisch, dennoch erklärte er, die Bourgeoisie zu hassen, obwohl er sich quer durch die europäische Oberschicht liierte und heiratete.“ Verheiratet war er u.a. mit der Burgschauspielerin Erika Pluhar (1962 bis 1967) und mit Daphne Wagner, einer Urenkelin Richard Wagners (1967 bis 1968).
Zu einer seiner zündenden Ideen gehörte "der 1969/1970 gegründete „Verein der Senkrechtbegrabenen“, der Tote in Plastikröhren einschweißen und senkrecht in die Erde stellen wollte, mit dem Ziel, die Plastikindustrie anzukurbeln und den Platzmangel auf Friedhöfen zu lösen. Mitglieder waren unter anderem Helmut Zilk [SPÖ-Politiker und ehemaliger Bürgermeister von Wien], Prokschs erste Ehefrau Pluhar und Helmut Qualtinger."**
1973 stellte Proksch eines der Obergeschosse seiner Hofzuckerbäckerei dem neu gegründeten Club 45 zur Verfügung, einem linken Herrenclub „ nach dem Vorbild der geheimnisumwitterten italienischen geheimen Loge P2 (Propaganda Due), dem die Spitzen der österreichischen Politik (SPÖ) und Wirtschaft der Siebzigerjahre angehörten. Am Höhepunkt, in der Zeit der absoluten Mehrheit der SPÖ, sah sich der Klub als Treffpunkt der politischen und wirtschaftlichen Elite Österreichs.“***
Das Ende dieses berüchtigten Clubs fiel mit dem Ende von Prokschs Karriere zusammen. „1976 charterte er den Frachter Lucona, um eine auf 212 Millionen Schilling (15,4 Millionen Euro) versicherte angebliche Uranerzmühle zu verschiffen. Die Lucona sank am 23. Jänner 1977 im Indischen Ozean nach einer Explosion. Dabei starben sechs Menschen, sechs weitere Besatzungsmitglieder überlebten nur knapp.“ Der Verdacht, dass das Schiff in Wirklichkeit nur Schrott geladen hatte, lag nahe, aber jahrelang wurde wegen Prokschs hervorragender Beziehungen in den höchsten Kreisen der Politik nicht gegen ihn ermittelt bzw. wurde er, als er 1985 wegen Betrugsverdachts verhaftet worden war, nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Erst die Aufdeckungsarbeit zweier investigativer Journalisten führte 1988 „zum Rücktritt des Nationalratspräsidenten Leopold Gratz und des Innenministers Karl Blecha, weil sie Prokschs Freilassung aus der Untersuchungshaft bewirkt hatten“, und zu Prokschs Flucht durch die halbe Welt. Trotz Gesichtsoperation in Manila wurde er am 2. Oktober 1989 bei seiner Rückkehr nach Österreich unter falschem Namen am Flughafen Wien-Schwechat erkannt und verhaftet. „Nach einem der längsten Prozesse der Zweiten Republik wurde Proksch im Jahre 1992 wegen sechsfachen Mordes und sechsfachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt.“****
* https://de.wikipedia.org/wiki/Demel https://de.wikipedia.org/wiki/Pauline_von_Metternich
** https://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Proksch
*** https://de.wikipedia.org/wiki/Club_45 http://diepresse.com/home/diverse/archiv/61096/Club-45_Oesterreichs-roter-Adel-im-Demel
**** https://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Proksch https://de.wikipedia.org/wiki/Lucona
Ich wünsche Euch allen einen schön Adventsonntag mit Euren Lieben, die Euch hoffentlich von dem Bösen auf dieser Welt abschirmen!
https://www.youtube.com/watch?v=OMrwcix41sY
http://www.dailymotion.com/video/xattt1_rammstein-wiener-blut_music
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Kommentare zum Bild
Wolfgang Bazer
18.12.2016Hier noch was Schönes von Erika Pluhar aus dem Jahr 1981: https://www.youtube.com/watch?v=BCgzbhiwt_0
LG Wolfgang
Cor.Lin
18.12.2016Vielen Dank für Deine Adventsgeschichte... aber "Senkrecht begraben" - das ist nicht neu... die Kapuziner haben Ihre Toten senkrecht in Ihre Grüfte gestellt...
Wien und die Wiener sind schon für besondere Geschichten bekannt...
Dir ebenfalls einen wunderschönen 4. Advent.
LG
Corinna
Günter Nau
18.12.2016Das sieht sehr heimelig aus, passend zur Vorweihnachtszeit.
Grüße Günter
Klaus Gärtner
18.12.2016Wien halt :-))))
Ein ganz besonderer Ort !
VG Klaus
PeSaBi
18.12.2016nun senkrecht begraben ist nachvollziehbar ... aber in Plastik eingeschweißt ????????? ........
ansonsten sehr interessant und für mich ziemlich neu ... sollte aber alles nicht von dem Bild ablenken ... das ist Dir nämlich sehr schön gelungen !
HG - Petra
Enrico
18.12.2016Was für eine Geschichte...
Danke und Dito !!!
Gruß Rico
GuenterHoe
18.12.2016Danke für diese Beschreibung und den schönen Beitrag von der Pluhar.
VG Günter
Francois
18.12.2016Interessant deine Geschichten, immer sehr aufschlußreich! Vielen Dank für die Glückwünsche, Dir einen angenehme Rest-Adventszeit.
LG Franz
Bärbel7
19.12.2016Ein feiner Lichterhimmel - zauberhaft! Gruß Bärbel
Foto-Volker
20.12.2016Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlen langsam und diesmal sogar mit Erfolg.
Nun hoffe ich nur, dass der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt gefasst und seiner gerechten Strafe zugeführt wird.
V. G. Volker
Hans Peter Matt
20.12.2016Sehr schön dieses Street
und interessant Deine Doku.
Gruß Hans Peter..
FOllage
21.12.2016Unter dem Lichtergewirr zu flanieren ist Weihnacht pur. Dazu die tolle Info. LG Dorit
Eifelpixel
26.12.2016Wie tausende Sterne leichten die Lichter
Immer eine gute Zeit wünscht Joachim
Graz
29.12.2016Hallo Wolfgang, das Bild zeigt eine schöne Vorweihnachtsstimmung! Und die Geschichte dazu vom "Demel" ist mir auch teilweise bekannt, war ja damals noch im schönen Österreich. Was mich aber jetzt interessieren wüde, wem gehört der Demel jetzt?
LG aus München und viele gute Ideen für 2017 von Gisela
P.S. Muß doch wieder einmal nach Wien fahren!