Porträt
„EBERSBACHER GESCHICHTEN. Angelika Stiebner, November 2002“
Ich bin zurzeit richtig tief unten
Angelika Stiebner wohnt mit ihrer vierzehnjährigen Tochter in einer unsanierten Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung mit 58 Quadratmetern. Der erwachsene Sohn ist aus dem Haus. Angelika Stiebner war Mechanikerin in der Weberei.
"Ich arbeitete in der Schlosserei da hinten, sonst nur Männer. Das war immer lustig. Manchmal haben wir in der Mittagspause Zinnsoldaten
gegossen oder eine kleine Kanone gebaut. Wir hatten auch Mädels vom Jugendwerkhof in der Spulerei. Das war ein Theater. Die lagen mit den Kubanern immer in den Paletten.
Im Kollektiv gab es kein böses Wort. Manchmal treffen wir uns zufällig.
Bis 1992 hatte ich noch im Betrieb sauber gemacht. Dann war ich erst einmal daheeme, zwei Jahre arbeitslos, bis ich eine
ABM-Stelle bekam. Wir haben einen Zaun abgebaut und die Unterkunft für den BGS gereinigt. Unser Chef passte auf, dass wir nicht zu schwer arbeiteten. Als ich mit einem Bohrhammer eine Wand einreißen wollte, hat er's verboten. Nach dem ABM-Jahr hockte ich wieder zuhause. Das Arbeitsamt konnte nichts anbieten, so besorgte ich mir einen Job als Warenauspackerin in einer Kaufhalle. Ich verdiente sieben Mark die Stunde, war aber unter Leuten, das war wichtig. Von '97 bis '98 die nächste ABM. Diesmal beim Bildungszentrum. Ich habe Werkzeugkisten gebaut. Wir hatten auch Schule, Computer und so und ein bisschen rechtliche Sachen.
Weil ich nach diesem Jahr nicht wieder zuhause hocken wollte, hatte ich mir einen Job als Bauhelfer besorgt. Fußbodendämmungen, Malerarbeiten - ich habe da viel gelernt. Er hätte mich sogar eingestellt.
Doch er meinte, er kriege das bei den Behörden nicht durch, weil ich eine Frau sei. Da hätte ich eine eigene Toilette bekommen müssen. Mit wäre das ja egal gewesen, doch sowas wird wohl kontrolliert. Na ja, dann hatte der Chef ja sowieso kein Geld mehr. Und so ist seit 1999 Ruhe. Bei dem Baujob habe ich mir eine Halswirbelblockierung geholt, kann deswegen in der Kaufhalle nicht mehr Kisten auspacken.
Wenn ich früh die Augen aufmache, weiß ich schon, wie der Tag abläuft. Bin zurzeit richtig tief unten. Alte Länder? Hat doch in meinem Alter keinen Sinn mehr, wenn ich so andere höre. Wozu bin ich überhaupt noch da? Die paar Kröten reichen doch vorne und hinten nicht. Beim Arbeitsamt sagen sie mir, ich solle den Führerschein machen. Quatsch, ich kann mir doch sowieso nie ein Auto kaufen.
Vor zwei Jahren habe ich mich in Kirschau vorgestellt. Da werden Scheuertücher produziert. Dann ging es plötzlich um Trainingsmaßnahmen beim Arbeitsamt. Sollte ich etwa für viel Geld umziehen, um dann doch keinen Job zu bekommen? Die brauchten doch nur jemanden für kurzfristige Einsätze. Meine Unterlagen habe ich bis heute nicht zurück.
Ich würde ja nach Berlin gehen und mir dort Arbeit suchen, doch meine Tochter würde das seelisch nicht durchstehen. Sie braucht ihre vertraute Umgebung.
Ich hatte mir immer die falschen Lebenspartner ausgesucht. Eine Psychologin sagte mir mal, ich sei zu nachgiebig in meinen Beziehungen. Ich hatte mit 19 geheiratet. Er hatte sich noch nicht ausgetobt und fühlte sich um seine Jugend betrogen. Und der Vater von Carolin wollte zur Wende wegmachen, hatte aber keine Lust zu arbeiten. Was soll das?
Ich hatte mit Carolin eine Risikoschwangerschaft, doch der Herr wollte nicht mal Schnee schippen. Und dann fing er auch noch an zu trinken.
Ich brauche einen Partner, auf den ich mich verlassen kann. Nicht, dass der Untergang schon programmiert ist. Heiraten? Nie mehr! Man kann ja auch so zusammen leben. Meinen jetzigen Partner habe ich seit fünf
Jahren. Wenn das nicht klappt, ist bei mir Schluss. Ich mache mir viel zu sehr einen Kopp um andere. Das strapaziert meine Nerven.
Ich hab' beim Fasching mal eine Spanien-Reise gewonnen, konnte das erst gar nicht glauben. Als wir mit dem Bus angekommen waren, hätte ich die Erde küssen können. Der Fahrer sagte 'Mädel, wir sind wirklich da!' Ich stand neben dem Bus und dachte, das ist alles nur ein Traum. Das war vor fünf Jahren."
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Kommentare zum Bild
Verena Peters
16.07.2014Eine beeindruckende Geschichte. Aber das sind sie irgendwie alle. Aber die hier ist so geschrieben, wie ich es mag. Oder sie ist so erzählt. Nein, sie ist so geschrieben wie sie erzählt wurde. Jetzt hab ich es.
Mag ich, ein schönes Portrait dazu.
Generell finde ich Deine Bilder mit den Geschichten dazu hier sehr beeindruckend und interessant, auch wenn ich zu dieser Zeit noch nicht gelebt habe.
Das sind Bilder, die nur mit den Geschichten wirken, weil sonst keiner etwas damit anzufangen weiß. Und ich finde es gut, dass Du diese Geschichten hier so ausführlich erzählst.
Liebe Grüße,
Verena