Schöner Wohnen...aber wie lange noch ?
„Schöner Wohnen...aber wie lange noch ?“
Was kann schöner sein, als am Meeresufer in einer Wohnung zu leben, die einen unbeschreiblichen Ausblick auf den Ozean bietet ? Es ist vielleicht ein Gefühl der Freiheit und Erholung, wenn man abends nach Hause kommt. Das Licht, die Wolken und die Aussicht auf den Sonnenuntergang ist immer grandios anzusehen, wenn man entspannt auf dem Balkon sitzen kann.
Aber auch der Status ist für einige Wohnungseigentümer ein Grund , um ihren Wohlstand und Erfolg zu symbolisieren.
Manche wiederum suchen Nähe und gleichzeitige Distanz zur Natur. Höhe kann ein Gefühl von Kontrolle und Überblick bedeuten. Die Gründe sind somit vielfälltig, um sich hier niederzulassen.
Doch werden diese Menschen für immer dort wohnen können ? Antwort: Nein, dass werden sie nicht.
Der Grund dafür ist im Kommentar weiter unten zu lesen....
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Ausflug in der Bucht von Cartagena / Kolumbien. Die Hochhäuser stehen dicht gedrängt am Ufer. Das verspricht hohe Rendite.
Aber wie sicher sind diese Häuser am Strand eigentlich vor Naturkatastrophen ? Wenn man dieses Foto sieht, kann man sich leicht vorstellen, was bereits ein starker Sturm anstellen kann.
Kürzlichg gab es wieder ein größeres Erdben der Stärke 7,4 in der Nähe der Pazifikküste, westlich von Bogota/Kolumbien. Cartagena , nicht weit entfernt, war nicht stark betroffen, wenn auch Erschütterungen zu spühren waren. Nicht auszudenken, wenn auch diese Gebäude wie Kartenhäuser zusammenbrechen. Die Bilder kennen wir alle aus den Nachrichten.
Hurrikanes gibt es sehr selten auf dem kolumbianischen Festland. Schon eher auf den vorgelagerten Inseln.
Und Tsunamies gab es bisher auch immer „nur“ an der Pazifikküste vor Kolumbien (Puerto Rico oder Hispaniola), doch nicht an der Karibikküste, an der sich Cartagena befindet.
Aber...die ersten Hochhäuser am Strand fangen bei ca. 2m über der Wasseroberfläche an. Dann steigt das Gelände der Stadt bis auf ca. 21 m. Aber falls ein Tsunami doch nach Cartagena kommen würde, wären die 2 m auch kein Hindernis mehr, da Tsunamies in dieser Region eine Höhe von 6-8m hoch erreichen können.
Erdbeben, Hurrikanes oder Tsunamies sind unregelmäßige Naturereignisse, die kaum vorhersehbare Zeitintervalle haben. Bei diesen Ereignissen scheint Cartagena bisher noch relativ sicher zu sein. Aber wer weiß das schon ?
Doch ein Naturereignis ist bereits voraussehbar, der die Existenz der schönen Wohnanlagen an diesen und anderen Stränden gefährden, bzw. vernichten wird. Es ist der Klimawandel. Warum ? Das ist doch nur Hitze? Sollte man denken.
Die Wissenschaft warnt bereits über einige Jahrzehnte vor den Folgen, die auf uns weltweit zukommen, bzw. bereits eingetreten sind. In einem langen Bericht eines seriösen Politikmagazins las ich einen Artikel über den derzeitigen und kommenden Klimawandel auf der Erde.
Hier ein Auszug aus diesem Bericht:
Der amerikanische Journalist und Autor David Wallace-Wells hat 2017 einen Artikel im »New York«-Magazin veröffentlicht mit dem Titel»Die unbewohnbare Erde« , aus dem später auch ein Buch wurde. Er beschreibt darin, wie sich Teile der Welt durch den Klimawandel so verändern, dass Menschen dort auf absehbare Zeit nicht mehr leben können.
Ein Blick hinter die wissenschaftliche Zurückhaltung.
Ich, der Autor, versichere Ihnen: Es ist schlimmer, als Sie denken. Wenn Ihre Sorgen hinsichtlich der globalen Erwärmung vor allem vom Anstieg des Meeresspiegels geprägt sind, kratzen Sie kaum an der Oberfläche dessen, welche Schreckensszenarien möglich sind – und zwar noch zu Lebzeiten heutiger Teenager. Und doch haben die anschwellenden Meere – und die Städte, die sie verschlingen werden – das Bild der globalen Erwärmung so sehr dominiert und unsere Kapazität für Klima-Panik so stark beansprucht, dass sie den Blick auf andere Bedrohungen verstellt haben; Bedrohungen, von denen viele weitaus unmittelbarer bevorstehen. Steigende Meeresspiegel sind schlimm, sogar sehr schlimm; doch die Flucht von den Küsten wird nicht ausreichen.
Zitat - Ende.
Wenn man den ganzen Bericht liest, hat man eine ungefähre Vorstellung davon, was uns Lebewesen auf diesem Planet bis 2050 oder gar bis 2100 wiederfahren wird. Dann werden u.a. diese Städte am Meer (wie im Foto gezeigt) nicht mehr bewohnbar sein. Es scheint aber keine Regierung zu stören. Es werden weiterhin die Küstenregionen bebaut werden, die sehr gute Steuereinnahmen garantieren. Nach dem Motto: nach mir die Sintflut und der Rubel muss rollen!
Die Perspektive des Fotos zeigte mir deutlich, wie unbekümmert und kurzfristig wir Menschen handeln, obwohl seit vielen Jahren bekannt ist, dass der Meeresspiegel lt. Umweltbundesamt um bis zu 2m im Extremfall steigen kann, wenn die Eisschilde in der Antarktis und Grönland unkontrolliert bis 2100 abschmilzen werden. Was das für die Küstenstädte bedeutet, kann man sich gut vorstellen. Schon ein Anstieg von 1m lässt ca. 2100 flache Inseln und Atolle in der Karibik verschwinden. (Wer möchte, dem schicke ich gerne den Bericht in der privaten Post einmal zu.)
Die Generationen nach uns werden das erleben müssen, was wir heute wissen, aber nicht sehen und nicht verhindern wollen. So sind wir Menschen gestrickt. Es muss erst weh tun, bis wir etwas ändern. Nur dann ist es meistens zu spät. Die wenigen Gruppen, die etwas verändern wollen, haben nicht die Macht, die richtigen Weichen zu stellen.
Die Wissenschaft hat berechnet, dass 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff im Permafrostboden lagert (Antarktis und Grönland gerechnet, ohne Sibirien). Dieser Kohlenstoff tritt bereits immer mehr aus der schmilzenden Bodenoberfläche des Permafrosts aus und verbindet sich mit der Luft zu Methangas. Dieses Gas ist um ein vielfaches schlimmer für die Erderwärmung, als das bereits freie Kohlendioxid in der Luft, was wir mit unserer Industrie oder den Autos und Häusern immer mehr ausstoßen. Und die 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff aus dem Permafrostboden sind doppelt so viel, wie die derzeitige Erdatmosphäre besitzt. Das bedarf dann wohl keiner weiteren Erklärung mehr.
Darum: Quo vadis Menschheit ?
Für ganz interessierte Leute. Lang, aber ernüchternd !
Bericht im „Spiegel“ Magazin
Die Klimakatastrophe ist Alltag
Der amerikanische Journalist und Autor David Wallace-Wells hat 2017 einen Artikel im »New York«-Magazin veröffentlicht mit dem Titel»Die unbewohnbare Erde« , aus dem später auch ein Buch wurde. Er beschreibt darin, wie sich Teile der Welt durch den Klimawandel so verändern, dass Menschen dort auf absehbare Zeit nicht mehr leben können. Wallace-Wells wurde vielfach zitiert, jedoch auch für seine Analyse angefeindet, Kritiker warfen ihm Alarmismus vor.
Tatsächlich aber hat sich Wallace-Wells’ Befund seit Erscheinen des Artikels nur immer weiter bestätigt. Es sind nicht mehr nur Landstriche in Asien oder Afrika, die zu Wüsten werden. Auch in Europa, auf dem Kontinent, der sich so schnell erhitzt wie kein anderer, stellen sich Menschen zunehmend Existenzfragen . Es reicht, auf die Meldungen der vergangenen Tage zu schauen, um das Ausmaß der Krise zu begreifen.
Eine Auswahl:
In den Alpen liefern Hubschrauber Trinkwasser, weil auf den Hütten das Bergwasser knapp wird.
Auf dem Rhein ist der Pegel zwischenzeitlich auf 24 Zentimeter gesunken, Schifffahrt ist dort kaum mehr möglich.
Ungarn schaltete wegen der Hitze das Atomkraftwerk Paks ab, dem Land fehlt gerade die Hälfte des Stroms.
Die Klimakatastrophe ist keine ferne Dystopie mehr. Sie ist längst Alltag, das neue Normal, auch in Europa. Das Problem ist, dass weder Politik noch Gesellschaft der Herausforderung gerade auch nur ansatzweise gerecht werden . Statt alles daranzusetzen, die Krise zumindest einzudämmen, werden Maßnahmen zum Klimaschutz eher noch zurückgefahren. Die Klimakatastrophe lässt sich allerdings nur so lange verdrängen, bis sie sich – durch Dürren, Brände, Fluten – nicht mehr verdrängen lässt.
„Weltuntergang“Autor David Wallace-Wells schrieb:
I. ‘Doomsday’
Ein Blick hinter die wissenschaftliche Zurückhaltung.
Ich versichere Ihnen: Es ist schlimmer, als Sie denken. Wenn Ihre Sorgen hinsichtlich der globalen Erwärmung vor allem vom Anstieg des Meeresspiegels geprägt sind, kratzen Sie kaum an der Oberfläche dessen, welche Schreckensszenarien möglich sind – und zwar noch zu Lebzeiten heutiger Teenager. Und doch haben die anschwellenden Meere – und die Städte, die sie verschlingen werden – das Bild der globalen Erwärmung so sehr dominiert und unsere Kapazität für Klima-Panik so stark beansprucht, dass sie den Blick auf andere Bedrohungen verstellt haben; Bedrohungen, von denen viele weitaus unmittelbarer bevorstehen. Steigende Meeresspiegel sind schlimm, sogar sehr schlimm; doch die Flucht von den Küsten wird nicht ausreichen.
Tatsächlich dürften – sofern sich die Lebensweise von Milliarden Menschen nicht grundlegend ändert – Teile der Erde schon bis Ende dieses Jahrhunderts nahezu unbewohnbar und andere auf schreckliche Weise lebensfeindlich werden.
Selbst wenn wir unseren Blick auf den Klimawandel richten, sind wir außerstande, dessen Ausmaß zu begreifen. Im vergangenen Winter heizten ungewöhnlich warme Tage – mit Temperaturen, die 60 bis 70 Grad Fahrenheit (etwa 33 bis 39 Grad Celsius) über dem Normalwert lagen – den Nordpol auf. Dabei taute der Permafrostboden auf, der den norwegischen Saatgut-Tresor auf Spitzbergen umschloss – eine weltweite Saatgut-Reserve mit dem Spitznamen „Doomsday“ (Weltuntergang), die eigentlich das Überleben unserer Landwirtschaft bei jeder Katastrophe sichern sollte. Doch weniger als zehn Jahre nach ihrer Errichtung schien die Anlage durch den Klimawandel bereits überflutet worden zu sein.
Dem „Doomsday-Tresor“ geht es vorerst gut: Die Anlage wurde gesichert, und das Saatgut ist in Sicherheit. Doch wer diesen Vorfall lediglich als Gleichnis für drohende Überflutungen betrachtet, übersieht die eigentlich wichtige Nachricht. Bis vor Kurzem galt der Permafrost für Klimaforscher nicht als vorrangiges Problem, da es sich – wie der Name schon sagt – um Boden handelte, der dauerhaft gefroren blieb. Doch der arktische Permafrost speichert 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff; das ist mehr als doppelt so viel, wie sich derzeit in der Erdatmosphäre befindet. Wenn dieser Boden auftaut und der Kohlenstoff freigesetzt wird, kann er als Methan entweichen. Methan wirkt als Treibhausgas – bezogen auf einen Zeitraum von hundert Jahren – 34-mal stärker erwärmend als Kohlendioxid; betrachtet man einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten, ist seine Wirkung sogar 86-mal stärker. Anders ausgedrückt: Im arktischen Permafrost ist doppelt so viel Kohlenstoff gebunden, wie derzeit die Atmosphäre unseres Planeten belastet. All dieser Kohlenstoff droht freigesetzt zu werden – und zwar zu einem Zeitpunkt, der immer weiter nach vorne rückt –, teilweise in Form eines Gases, dessen wärmende Wirkung 86-mal stärker ist als die von CO₂.
Vielleicht ist Ihnen das bereits bekannt – schließlich gibt es täglich alarmierende Meldungen. Da war zum Beispiel die Nachricht vom vergangenen Monat, wonach Satellitendaten angeblich zeigten, dass sich die Erde seit 1998 mehr als doppelt so schnell erwärmt hat, als Wissenschaftler zuvor angenommen hatten (tatsächlich war die zugrunde liegende Meldung weit weniger beunruhigend als die Schlagzeilen). Oder die Nachrichten aus der Antarktis vom vergangenen Mai: Ein Riss in einem Schelfeisgebiet wuchs innerhalb von sechs Tagen um rund 18 Kilometer (11 Meilen) an und breitete sich weiter aus; mittlerweile fehlen nur noch knapp fünf Kilometer (3 Meilen) bis zum offenen Wasser. Wenn Sie diese Zeilen lesen, hat der Riss das offene Meer womöglich bereits erreicht, und einer der größten Eisberge aller Zeiten wird ins Meer abbrechen – ein Vorgang, der poetisch als „Kalben“ bezeichnet wird.
Doch ganz gleich, wie gut informiert Sie auch sein mögen – Sie sind sicherlich nicht ausreichend alarmiert. In den vergangenen Jahrzehnten hat unsere Kultur apokalyptische Züge angenommen – man denke nur an Zombiefilme und „Mad Max“-Dystopien, die womöglich das kollektive Ergebnis verdrängter Klimaängste sind. Und doch mangelt es uns an der nötigen Vorstellungskraft, wenn es darum geht, die realen Gefahren der Erderwärmung zu erfassen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: die zurückhaltende Sprache wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeiten – der Klimatologe James Hansen bezeichnete dies einst als „wissenschaftliche Zurückhaltung“ (scientific reticence) und kritisierte, Wissenschaftler würden ihre Beobachtungen so gewissenhaft redigieren, dass sie versäumten, das wahre Ausmaß der Bedrohung zu vermitteln; die Tatsache, dass das Land von einer Gruppe von Technokraten dominiert wird, die an die Lösbarkeit jedes Problems glauben, sowie von einer Gegenströmung, die die Erwärmung nicht einmal als ein Problem betrachtet, das angegangen werden müsste; die Art und Weise, wie die Leugnung des Klimawandels Wissenschaftler dazu veranlasst hat, bei spekulativen Warnungen noch vorsichtiger zu agieren; das schiere Tempo des Wandels – und zugleich dessen Langsamkeit, sodass wir erst heute die Auswirkungen der Erwärmung aus vergangenen Jahrzehnten zu spüren bekommen; unsere Unsicherheit im Umgang mit der Ungewissheit – ein Faktor, der uns laut der Klimaexpertin Naomi Oreskes daran hindert, uns auf Szenarien vorzubereiten, die über den mittleren Erwartungswert hinausgehen; die Annahme, der Klimawandel werde vor allem andere Regionen treffen und nicht uns alle; die geringe Größe (zwei Grad), die enorme Größe (1,8 Billionen Tonnen) und die Abstraktheit (400 ppm) der Zahlenwerte; das Unbehagen bei dem Gedanken an ein Problem, das nur schwer oder gar nicht zu lösen ist; das schlicht unfassbare Ausmaß dieses Problems, das letztlich die Gefahr unserer eigenen Vernichtung birgt; und schließlich schlichte Angst. Doch auch eine aus Angst resultierende Abwehrhaltung ist eine Form der Verleugnung.
Zwischen wissenschaftlicher Zurückhaltung und Science-Fiction steht die Wissenschaft selbst. Dieser Artikel ist das Ergebnis zahlreicher Interviews und Gespräche mit Klimatologen sowie Forschern aus verwandten Fachgebieten und stützt sich auf Hunderte wissenschaftlicher Publikationen zum Thema Klimawandel. Im Folgenden werden keine Prognosen darüber aufgestellt, was geschehen wird – denn dies hängt maßgeblich von der menschlichen Reaktion ab, deren Erforschung weitaus unsicherer ist. Vielmehr zeichnet der Text ein Bild unseres derzeit besten Wissensstands darüber, wohin sich der Planet ohne entschlossenes Handeln entwickelt. Es ist unwahrscheinlich, dass all diese Erwärmungsszenarien tatsächlich voll eintreten werden – vor allem deshalb, weil die unterwegs entstehenden Verwüstungen unsere Selbstgefälligkeit erschüttern dürften. Doch genau diese Szenarien – und nicht das heutige Klima – bilden die Ausgangsbasis. Tatsächlich stellen sie unseren Zeitplan dar.
Die gegenwärtige Realität des Klimawandels – die Zerstörung, die wir bereits in unsere Zukunft eingebaut haben – ist erschreckend genug. Die meisten Menschen sprechen so, als hätten Miami und Bangladesch noch eine Überlebenschance; die meisten Wissenschaftler, mit denen ich sprach, gehen jedoch davon aus, dass wir diese Gebiete noch in diesem Jahrhundert verlieren werden – selbst wenn wir die Verbrennung fossiler Brennstoffe im nächsten Jahrzehnt einstellen. Eine Erwärmung um zwei Grad galt einst als Schwelle zur Katastrophe: Zehnmillionenfachen Zustrom von Klimaflüchtlingen in eine unvorbereitete Welt hätte dies zur Folge. Heute sind zwei Grad unser Ziel gemäß dem Pariser Klimaabkommen, doch Experten räumen uns nur geringe Chancen ein, dieses auch zu erreichen. Der Weltklimarat (IPCC) veröffentlicht regelmäßig Berichte, die oft als „Goldstandard“ der Klimaforschung gelten; der jüngste Bericht prognostiziert eine Erwärmung um vier Grad bis zum Beginn des nächsten Jahrhunderts, sollten wir unseren derzeitigen Kurs beibehalten. Doch dies ist lediglich ein mittlerer Prognosewert.
Das obere Ende der Wahrscheinlichkeitskurve reicht bis zu acht Grad – und die Autoren haben noch immer keine Lösung für das Problem des schmelzenden Permafrosts gefunden. Zudem berücksichtigen die IPCC-Berichte nicht vollständig den Albedo-Effekt (weniger Eis bedeutet weniger reflektiertes und mehr absorbiertes Sonnenlicht, folglich mehr Erwärmung), die zunehmende Wolkenbildung (die Wärme speichert) oder das Absterben von Wäldern und anderer Vegetation (die der Atmosphäre Kohlenstoff entziehen). All diese Faktoren dürften die Erwärmung beschleunigen, und die Geschichte unseres Planeten zeigt, dass die Temperatur innerhalb von nur dreizehn Jahren um bis zu fünf Grad Celsius schwanken kann. Als der Planet das letzte Mal um vier Grad wärmer war – so weist Peter Brannen in seinem neuen Buch *The Ends of the World* über die großen Massenaussterben der Erdgeschichte darauf hin –, lagen die Meeresspiegel um Hunderte von Fuß höher.*
Die Erde hat vor dem aktuellen bereits fünf Massenaussterben erlebt – Ereignisse, die die Spuren der Evolution so gründlich auslöschten, dass sie wie ein Zurücksetzen der planetaren Uhr wirkten. Viele Klimaforscher betrachten sie als das beste Vergleichsszenario für die ökologische Zukunft, auf die wir ungebremst zusteuern. Sofern Sie kein Teenager sind, haben Sie in der Schule wahrscheinlich gelernt, dass diese Aussterbeereignisse durch Asteroideneinschläge verursacht wurden. Tatsächlich waren jedoch – mit Ausnahme jenes Ereignisses, das die Dinosaurier auslöschte – alle anderen auf einen durch Treibhausgase verursachten Klimawandel zurückzuführen.
Das verheerendste dieser Ereignisse fand vor 252 Millionen Jahren statt: Es begann, als Kohlenstoff den Planeten um fünf Grad erwärmte; die Entwicklung beschleunigte sich, als diese Erwärmung Methanfreisetzungen in der Arktis auslöste, und endete mit dem Tod von 97 Prozent allen Lebens auf der Erde. Wir reichern die Atmosphäre derzeit weitaus schneller mit Kohlenstoff an – nach den meisten Schätzungen mindestens zehnmal schneller. Und dieses Tempo nimmt weiter zu. Genau das hatte Stephen Hawking im Sinn, als er im Frühjahr erklärte, die Menschheit müsse im kommenden Jahrhundert andere Planeten besiedeln, um zu überleben; und das war auch der Beweggrund für Elon Musk, im vergangenen Monat seine Pläne für eine Mars-Kolonie vorzustellen, die in 40 bis 100 Jahren entstehen soll. Natürlich sind dies keine Fachleute auf diesem Gebiet, und sie neigen womöglich ebenso zu irrationaler Panik wie Sie oder ich.
Doch auch die vielen besonnenen Wissenschaftler, mit denen ich in den letzten Monaten gesprochen habe – hochrangige Experten mit festen akademischen Positionen, von denen nur wenige zu Alarmismus neigen und viele den IPCC beraten (und dessen Zurückhaltung dennoch kritisieren) –, sind stillschweigend zu einer apokalyptischen Schlussfolgerung gelangt: Kein noch so plausibles Programm zur Emissionsminderung kann für sich genommen die Klimakatastrophe abwenden.
In den letzten Jahrzehnten hat der Begriff „Anthropozän“ den Sprung aus dem akademischen Diskurs in das öffentliche Bewusstsein geschafft. Er bezeichnet das geologische Zeitalter, in dem wir heute leben, und signalisiert, dass es sich um eine neue Ära handelt – eine Epoche, die auf der Zeittafel der Erdgeschichte durch menschliche Eingriffe definiert wird. Ein Problem dieses Begriffs besteht darin, dass er eine Unterwerfung der Natur suggeriert (und sogar Anklänge an die biblische „Herrschaft über die Erde“ aufweist). Mag man auch noch so zuversichtlich sein angesichts der Tatsache, dass wir die natürliche Welt bereits verwüstet haben – was wir zweifellos getan haben –, so ist es doch etwas völlig anderes, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass wir sie lediglich herausgefordert haben: Indem wir – erst aus Unwissenheit, dann aus Verleugnung – ein Klimasystem geschaffen haben, das nun über viele Jahrhunderte hinweg Krieg gegen uns führen wird, womöglich bis zu unserer Vernichtung.
Genau das meint Wallace Smith Broecker, jener väterlich wirkende Ozeanograph, der den Begriff „globale Erwärmung“ geprägt hat, wenn er den Planeten als „zorniges Biest“ bezeichnet. Man könnte auch von einer „Kriegsmaschine“ sprechen. Jeden Tag rüsten wir sie weiter auf.
II. Hitzetod
Die „Bahrainisierung“ New Yorks.
Menschen sind – wie alle Säugetiere – Wärmekraftmaschinen; Überleben bedeutet, sich ständig abkühlen zu müssen, ähnlich wie hechelnde Hunde. Dafür muss die Umgebungstemperatur niedrig genug sein, damit die Luft als eine Art Kühlmittel wirken und der Haut Wärme entziehen kann, damit der „Motor“ weiterlaufen kann. Bei einer Erwärmung um sieben Grad würde dies für weite Teile des äquatorialen Gürtels – und insbesondere für die Tropen, wo die Luftfeuchtigkeit das Problem verschärft – unmöglich werden; in den Dschungeln Costa Ricas etwa, wo die Luftfeuchtigkeit regelmäßig über 90 Prozent liegt, wäre schon ein bloßer Aufenthalt im Freien bei Temperaturen von mehr als 40,5 Grad Celsius (105 Grad Fahrenheit) tödlich. Und die Wirkung träte rasch ein: Innerhalb weniger Stunden würde ein menschlicher Körper von innen und außen buchstäblich zu Tode gekocht.
Klimaskeptiker weisen zwar darauf hin, dass sich der Planet schon oft erwärmt und abgekühlt hat, doch das Zeitfenster, das menschliches Leben überhaupt erst ermöglichte, ist selbst gemessen an der Erdgeschichte sehr schmal. Bei einer Erwärmung um 11 oder 12 Grad würde mehr als die Hälfte der heutigen Weltbevölkerung an den direkten Folgen der Hitze sterben. Zwar wird es in diesem Jahrhundert mit ziemlicher Sicherheit nicht ganz so heiß werden – auch wenn Modelle, die von unverminderten Emissionen ausgehen, uns langfristig durchaus in diesen Bereich führen –, doch schon weit vor Erreichen der Sieben-Grad-Marke würden sich, besonders in den Tropen, kritische Belastungsgrenzen bemerkbar machen. Entscheidend ist dabei die sogenannte Feuchtkugeltemperatur (Wet-Bulb-Temperatur) – ein Messwert, der so klingt, als stamme er aus einem Heimexperimentierkasten: Es handelt sich um die Temperatur, die ein Thermometer anzeigt, wenn es in eine feuchte Socke gewickelt und durch die Luft geschwenkt wird (da die Feuchtigkeit in trockener Luft schneller aus der Socke verdunstet, spiegelt dieser einzelne Wert sowohl die Hitze als auch die Luftfeuchtigkeit wider). Derzeit erreichen die meisten Regionen einen Feuchtkugel-Höchstwert von 26 oder 27 Grad Celsius; die eigentliche kritische Grenze für die Bewohnbarkeit liegt bei 35 Grad. Der sogenannte Hitzestress tritt jedoch schon deutlich früher ein.
Tatsächlich sind wir schon fast so weit. Seit 1980 hat sich die Zahl der Orte mit gefährlicher oder extremer Hitze weltweit verfünfzigfacht; und ein noch stärkerer Anstieg steht bevor. Die fünf wärmsten Sommer in Europa seit 1500 traten alle nach 2002 auf, und der IPCC warnt, dass es schon bald für weite Teile der Welt gesundheitsschädlich sein wird, sich zu dieser Jahreszeit im Freien aufzuhalten. Selbst wenn wir die Pariser Klimaziele von zwei Grad Celsius erreichen, werden Städte wie Karatschi und Kalkutta nahezu unbewohnbar werden und jährlich von tödlichen Hitzewellen heimgesucht, wie sie sie 2015 lahmlegten. Bei vier Grad Celsius wäre die tödliche Hitzewelle von 2003 in Europa, die bis zu 2.000 Menschenleben pro Tag forderte, ein normaler Sommer. Laut einer Studie der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die sich ausschließlich auf die Auswirkungen innerhalb der USA konzentriert, würde bei einem Temperaturanstieg von sechs Grad Celsius jegliche Sommerarbeit im unteren Mississippi-Tal unmöglich werden, und alle Menschen östlich der Rocky Mountains wären einer höheren Hitzebelastung ausgesetzt als heute irgendjemand irgendwo auf der Welt. Wie Joseph Romm in seinem Standardwerk „Klimawandel: Was jeder wissen muss“ ausführt, würde die Hitzebelastung in New York City diejenige im heutigen Bahrain, einem der heißesten Orte der Erde, übertreffen, und die Temperatur in Bahrain „würde selbst bei schlafenden Menschen Hyperthermie auslösen“.
Die optimistischste Schätzung des IPCC liegt wohlgemerkt noch zwei Grad höher. Bis zum Ende des Jahrhunderts, so schätzt die Weltbank, werden die kühlsten Monate im tropischen Südamerika, in Afrika und im Pazifik voraussichtlich wärmer sein als die wärmsten Monate am Ende des 20. Jahrhunderts. Klimaanlagen können zwar helfen, werden aber letztendlich das CO₂-Problem nur verschärfen. Abgesehen von den klimatisierten Einkaufszentren der arabischen Emirate ist es völlig unrealistisch, die Klimatisierung aller heißesten Regionen der Welt, von denen viele auch zu den ärmsten gehören, zu verhindern. Die Krise wird sich im Nahen Osten und am Persischen Golf besonders dramatisch auswirken, wo 2015 Temperaturen von bis zu 73 Grad Celsius gemessen wurden. Schon in wenigen Jahrzehnten wird die Hadsch für die zwei Millionen Muslime, die jedes Jahr die Pilgerfahrt unternehmen, unmöglich sein.
Doch nicht nur die Hadsch und nicht nur Mekka sind betroffen; die Hitze fordert bereits jetzt Opfer. In der Zuckerrohrregion El Salvadors leidet bis zu ein Fünftel der Bevölkerung an chronischer Nierenerkrankung, darunter über ein Viertel der Männer. Vermutlich ist dies auf die Dehydrierung bei der Feldarbeit zurückzuführen, die sie noch vor zwei Jahrzehnten problemlos einbringen konnten. Mit der teuren Dialyse haben Nierenkranke eine Lebenserwartung von fünf Jahren; ohne sie sinkt sie auf wenige Wochen. Natürlich wird uns Hitzestress auch an anderen Stellen als unseren Nieren zusetzen. Während ich diesen Satz schreibe, herrschen Mitte Juni in der kalifornischen Wüste draußen 49 Grad Celsius. Das ist kein Rekordwert.
III. Das Ende der Nahrungsmittelknappheit
Ein Gebet für Maisfelder in der Tundra. Klimazonen und Pflanzen variieren, doch die Grundregel für Grundnahrungsmittel wie Getreide, die bei optimalen Temperaturen angebaut werden, lautet: Mit jedem Grad Erwärmung sinken die Erträge um 10 Prozent. Manche Schätzungen gehen sogar von 15 oder 17 Prozent aus. Das bedeutet: Wenn die Erde am Ende des Jahrhunderts fünf Grad wärmer ist, müssen wir möglicherweise bis zu 50 Prozent mehr Menschen ernähren und haben 50 Prozent weniger Getreide zur Verfügung. Noch schlimmer sieht es bei Proteinen aus: Für die Herstellung von nur einer Kalorie Hackfleisch, das von einer Kuh stammt, die ihr Leben lang die Umwelt mit Methanemissionen belastet hat, werden 16 Kalorien Getreide benötigt. Optimistische Pflanzenphysiologen werden einwenden, dass diese Berechnung nur für Regionen gilt, in denen bereits optimale Wachstumstemperaturen herrschen, und damit haben sie Recht – theoretisch würde ein wärmeres Klima den Maisanbau in Grönland erleichtern. Doch wie die bahnbrechenden Arbeiten von Rosamond Naylor und David Battisti gezeigt haben, sind die Tropen bereits zu heiß für einen effizienten Getreideanbau, und die heutigen Anbaugebiete weisen bereits optimale Wachstumstemperaturen auf – das bedeutet, dass selbst eine geringe Erwärmung die Produktivität weiter sinken lassen wird. Ackerland lässt sich nicht einfach um einige hundert Kilometer nach Norden verlagern, da die Erträge in Regionen wie dem abgelegenen Kanada und Russland durch die dortige Bodenqualität begrenzt sind; es dauert Jahrhunderte, bis die Erde optimal fruchtbaren Boden hervorbringt.
Dürre könnte ein noch größeres Problem darstellen als Hitze, da sich einige der fruchtbarsten Böden der Welt schnell in Wüsten verwandeln. Niederschläge sind bekanntermaßen schwer zu modellieren, doch die Prognosen für das spätere Jahrhundert sind im Grunde einhellig: beispiellose Dürren fast überall dort, wo heute Lebensmittel produziert werden. Bis 2080 wird Südeuropa ohne drastische Emissionsreduzierungen unter einer permanenten extremen Dürre leiden, die weitaus schlimmer ist als die Staubstürme in den USA. Dasselbe gilt für den Irak, Syrien und weite Teile des Nahen Ostens. Einige der am dichtesten besiedelten Gebiete Australiens, Afrikas und Südamerikas sowie die Kornkammern Chinas. Keine dieser Regionen, die heute einen Großteil der weltweiten Nahrungsmittelversorgung sicherstellen, wird künftig verlässliche Nahrungsquellen sein. Was die ursprüngliche Dust Bowl betrifft: Laut einer NASA-Studie aus dem Jahr 2015 wären die Dürren in den amerikanischen Prärien und im Südwesten nicht nur schlimmer als in den 1930er Jahren, sondern schlimmer als alle Dürren der letzten tausend Jahre – einschließlich jener zwischen 1100 und 1300 n. Chr., die „alle Flüsse östlich der Sierra Nevada austrockneten“ und möglicherweise für den Untergang der Anasazi-Kultur verantwortlich waren.
Vergessen Sie nicht: Wir leben nicht in einer Welt ohne Hunger. Ganz im Gegenteil: Schätzungen zufolge leiden weltweit 800 Millionen Menschen an Unterernährung. Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben: In diesem Frühjahr hat eine beispiellose vierfache Hungersnot Afrika und den Nahen Osten heimgesucht. Die Vereinten Nationen haben davor gewarnt, dass es allein in diesem Jahr durch separate Hungersnöte in Somalia, Südsudan, Nigeria und Jemen zu 20 Millionen Toten kommen könnte.
IV. Klimaseuchen
Was geschieht, wenn das arktische Eis schmilzt? Gestein ist, am richtigen Ort, ein Zeugnis der Erdgeschichte – Jahrmillionen, die durch die geologischen Kräfte zu Schichten mit einer Dicke von nur wenigen Zentimetern oder sogar weniger zusammengepresst wurden. Eis funktioniert ähnlich, als Klimachronik, aber es ist auch eingefrorene Geschichte, von der ein Teil beim Auftauen wieder zum Leben erwachen kann. Im arktischen Eis sind nun Krankheitserreger eingeschlossen, die seit Millionen von Jahren nicht mehr in der Luft zirkulierten – in manchen Fällen seit der Zeit, bevor es Menschen gab, die ihnen begegneten. Das bedeutet, dass unser Immunsystem keine Ahnung hätte, wie es sich gegen diese prähistorischen Seuchen wehren soll, wenn sie aus dem Eis auftauchen. Die Arktis birgt auch furchterregende Krankheitserreger aus jüngerer Zeit. In Alaska haben Forscher bereits Überreste der Grippe von 1918 entdeckt, die bis zu 500 Millionen Menschen infizierte und bis zu 100 Millionen tötete – etwa 5 Prozent der Weltbevölkerung und fast sechsmal so viele Tote wie im Weltkrieg, dessen grausamer Höhepunkt die Pandemie bildete. Wie die BBC im Mai berichtete, vermuten Wissenschaftler, dass auch Pocken und die Pest im sibirischen Eis eingeschlossen sind – eine verkürzte Geschichte verheerender menschlicher Krankheiten, die wie Eiersalat in der arktischen Sonne zurückgelassen wurde.
Experten warnen davor, dass viele dieser Organismen das Auftauen nicht überleben werden, und verweisen auf die anspruchsvollen Laborbedingungen, unter denen sie bereits einige von ihnen wiederbelebt haben – die 32.000 Jahre alten „extremophilen“ Bakterien, die 2005 wiederbelebt wurden, ein 8 Millionen Jahre altes Bakterium, das 2007 wieder zum Leben erweckt wurde, und das 3,5 Millionen Jahre alte Bakterium, das sich ein russischer Wissenschaftler aus reiner Neugier selbst injizierte –, um zu vermuten, dass dies notwendige Bedingungen für die Rückkehr solcher uralten Seuchen sind. Doch bereits im letzten Jahr wurde ein Junge getötet und 20 weitere mit Milzbrand infiziert, als der zurückweichende Permafrost den gefrorenen Kadaver eines Rentiers freilegte, das mindestens 75 Jahre zuvor von den Bakterien getötet worden war; 2.000 heutige Rentiere wurden ebenfalls infiziert und trugen die Krankheit über die Tundra hinaus in sich und verbreiteten sie.
Was Epidemiologen mehr beunruhigt als uralte Krankheiten, sind bereits existierende Seuchen, die durch die Erderwärmung verlagert, verändert oder gar neu entstanden sind. Der erste Effekt ist geografischer Natur. Vor der frühen Neuzeit, als abenteuerliche Segelboote die Vermischung von Völkern und ihren Insekten beschleunigten, schützte die Abgeschiedenheit der Menschen vor Pandemien. Heute, trotz Globalisierung und der enormen Durchmischung der Bevölkerung, sind unsere Ökosysteme größtenteils stabil, was eine weitere Grenze darstellt. Doch die globale Erwärmung wird diese Ökosysteme durcheinanderbringen und Krankheiten helfen, diese Grenzen ebenso sicher zu überschreiten wie einst Cortés. Wer in Maine oder Frankreich lebt, macht sich keine großen Sorgen um Denguefieber oder Malaria. Doch mit der Ausbreitung der Tropen nach Norden und der damit einhergehenden Migration der Mücken wird sich das ändern. Auch vor einigen Jahren machte man sich um das Zika-Virus noch keine großen Sorgen.
V. Unerträgliche Luft
Ein tödlicher, anhaltender Nebel, der Millionen Menschen erstickt.
Unsere Lungen benötigen Sauerstoff, doch dieser macht nur einen Bruchteil dessen aus, was wir einatmen. Der Kohlendioxidanteil steigt: Er hat gerade die Marke von 400 ppm überschritten, und optimistischere Schätzungen, die die aktuellen Trends hochrechnen, gehen davon aus, dass er bis 2100 1.000 ppm erreichen wird. Bei dieser Konzentration sinkt die menschliche kognitive Leistungsfähigkeit im Vergleich zur heutigen Luftqualität um 21 %.
Andere Substanzen in wärmerer Luft sind noch beunruhigender: Bereits geringe Zunahmen der Luftverschmutzung können die Lebenserwartung um zehn Jahre verkürzen. Je wärmer der Planet wird, desto mehr Ozon bildet sich, und bis Mitte des Jahrhunderts werden die Amerikaner laut Prognosen des National Center for Atmospheric Research voraussichtlich einen Anstieg des schädlichen Ozon-Smogs um 70 % erleiden. Bis 2090 werden weltweit etwa zwei Milliarden Menschen Luft atmen, die über dem von der WHO festgelegten „sicheren“ Grenzwert liegt. Eine im letzten Monat veröffentlichte Studie zeigte, dass die Ozonbelastung einer Schwangeren unter anderem das Risiko für Autismus beim Kind erhöht (bis zu zehnfach, in Kombination mit anderen Umweltfaktoren). Dies veranlasst uns, die Autismus-Epidemie in West Hollywood neu zu überdenken.
Mehr als 10.000 Menschen sterben bereits täglich an den Folgen der Feinstaubbelastung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe; jährlich sterben 339.000 Menschen an den Folgen von Waldbränden, unter anderem weil der Klimawandel die Waldbrandsaison verlängert hat (in den USA hat sie sich seit 1970 um 78 Tage verlängert). Laut dem US Forest Service werden Waldbrände bis 2050 doppelt so zerstörerisch sein wie heute; stellenweise könnte sich die verbrannte Fläche sogar verfünffachen. Was die Menschen noch mehr beunruhigt, sind die Auswirkungen auf die Emissionen, insbesondere wenn Brände Wälder verwüsten, die in Torfgebieten entstanden sind. Die Torfbrände in Indonesien im Jahr 1997 beispielsweise erhöhten die globalen CO₂-Emissionen um bis zu 40 %. Mehr Brände bedeuten mehr Erwärmung, was wiederum zu noch mehr Bränden führt. Hinzu kommt die beängstigende Möglichkeit, dass Regenwälder wie der Amazonas, der 2010 innerhalb von fünf Jahren seine zweite Jahrhundertdürre erlebte, so weit austrocknen könnten, dass sie anfällig für verheerende, großflächige Waldbrände werden. Diese würden nicht nur enorme Mengen an Kohlenstoff in die Atmosphäre freisetzen, sondern auch die Fläche des Waldes verringern. Dies ist besonders verheerend, da allein der Amazonas 20 % unseres Sauerstoffs produziert.
Es gibt aber auch die bekannteren Formen der Umweltverschmutzung. 2013 veränderte das schmelzende arktische Eis die asiatischen Wettermuster und beraubte das Industriegebiet Chinas seiner natürlichen Belüftungsmechanismen, auf die es angewiesen war. Dies führte dazu, dass weite Teile des Nordens des Landes in einen unerträglichen Dunst gehüllt wurden. Buchstäblich unerträglich. Der sogenannte Luftqualitätsindex (AQI) kategorisiert Risiken und erreicht Spitzenwerte zwischen 301 und 500. Bei diesem Wert warnt er vor einer „starken Verschlechterung von Herz- oder Lungenerkrankungen und vorzeitigem Tod bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und älteren Menschen“ und für alle anderen vor einem „starken Risiko von Atemwegserkrankungen“. Ab diesem Wert „sollte jeder körperliche Anstrengung im Freien vermeiden“. Die Luftverschmutzungskatastrophe in China im Jahr 2013 erreichte ihren Höhepunkt bei einem AQI-Wert von über 800. In diesem Jahr war die Luftverschmutzung für ein Drittel aller Todesfälle im Land verantwortlich.
VI. Ewiger Krieg
Die Gewalt, die in der Hitze steckt.
Klimaforscher sind sehr vorsichtig, wenn sie über Syrien sprechen. Sie legen Wert auf die Feststellung, dass der Klimawandel zwar eine Dürre verursachte, die zum Bürgerkrieg beitrug, es aber nicht ganz zutreffend wäre, den Konflikt schlicht als Folge der Erwärmung zu bezeichnen; im benachbarten Libanon etwa kam es zu denselben Ernteausfällen. Doch Forschern wie Marshall Burke und Solomon Hsiang ist es gelungen, einige der weniger offensichtlichen Zusammenhänge zwischen Temperatur und Gewalt zu quantifizieren: Pro halbem Grad Erwärmung, so ihre Erkenntnis, steigt die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Konflikte in Gesellschaften um 10 bis 20 Prozent. In der Klimawissenschaft ist nichts einfach, doch die Rechnung ist erschütternd: Auf einem um fünf Grad wärmeren Planeten gäbe es mindestens anderthalbmal so viele Kriege wie heute. Insgesamt könnten sich soziale Konflikte in diesem Jahrhundert mehr als verdoppeln.
Dies ist ein Grund dafür, warum sich das US-Militär – wie fast jeder Klimaforscher, mit dem ich sprach, betonte – so intensiv mit dem Klimawandel befasst: Die Überflutung sämtlicher US-Marinebasen durch den Meeresspiegelanstieg ist bereits ein ernstes Problem, doch die Rolle des „Weltpolizisten“ lässt sich ungleich schwerer ausfüllen, wenn sich die Kriminalitätsrate verdoppelt. Natürlich ist Syrien nicht der einzige Ort, an dem das Klima zu Konflikten beigetragen hat. Manche vermuten, dass die verstärkten Unruhen im Nahen Osten der letzten Generation den Druck der globalen Erwärmung widerspiegeln – eine Hypothese, die umso grausamer erscheint, wenn man bedenkt, dass sich die Erwärmung genau dann beschleunigte, als die Industrieländer begannen, das Öl der Region zu fördern und zu verbrennen.
Was erklärt den Zusammenhang zwischen Klima und Konflikt? Ein Teil davon ist auf Landwirtschaft und Wirtschaft zurückzuführen; vieles hängt mit erzwungener Migration zusammen – ein Phänomen, das bereits ein Rekordniveau erreicht hat, da derzeit mindestens 65 Millionen Vertriebene auf der Welt unterwegs sind. Doch es gibt auch die schlichte Tatsache der individuellen Reizbarkeit. Hitze lässt die Kriminalitätsraten in Städten steigen, ebenso wie die Häufigkeit von Beschimpfungen in sozialen Medien oder die Wahrscheinlichkeit, dass ein Pitcher in der Major League – nachdem ein Teamkollege von einem Wurf getroffen wurde – als Vergeltungsmaßnahme einen gegnerischen Schlagmann trifft. Auch die Einführung der Klimaanlage in der entwickelten Welt Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat wenig dazu beigetragen, das Problem der sommerlichen Kriminalitätswelle zu lösen.
VII. Dauerhafter wirtschaftlicher Zusammenbruch
Ein trostloser Kapitalismus in einer deutlich ärmeren Welt.
Das Mantra des globalen Neoliberalismus, das die Zeit zwischen dem Ende des Kalten Krieges und dem Beginn der Großen Rezession prägte, lautete: Wirtschaftswachstum würde uns vor allem bewahren.
Doch nach dem Börsencrash von 2008 begannen immer mehr Historiker, die sich mit dem sogenannten „fossilen Kapitalismus“ befassen, die These zu vertreten, dass die gesamte Geschichte des rasanten Wirtschaftswachstums – das im 18. Jahrhundert recht plötzlich einsetzte – nicht auf Innovationen, Handel oder die Dynamik des globalen Kapitalismus zurückzuführen sei, sondern schlicht auf die Entdeckung fossiler Brennstoffe und deren gewaltige Energie. Es handelte sich um eine einmalige Zufuhr neuen „Werts“ in ein System, das zuvor von weltweiter Subsistenzwirtschaft geprägt war. Vor der Ära der fossilen Brennstoffe lebte niemand besser als seine Eltern, Großeltern oder Vorfahren vor 500 Jahren – abgesehen von der Zeit unmittelbar nach großen Seuchen wie dem Schwarzen Tod, als die wenigen Überlebenden die durch Massengräber frei gewordenen Ressourcen für sich beanspruchen konnten.
Sobald wir alle fossilen Brennstoffe verbrannt haben, so die Vermutung dieser Forscher, werden wir womöglich zu einer Weltwirtschaft im „stationären Zustand“ zurückkehren. Natürlich hat dieser einmalige Energieschub einen verheerenden langfristigen Preis: den Klimawandel.
Auch die aufschlussreichsten Forschungsarbeiten zur Ökonomie der Erderwärmung stammen von Hsiang und seinen Kollegen. Sie sind zwar keine Historiker des fossilen Kapitalismus, liefern aber dennoch äußerst düstere Analysen: Jedes Grad Celsius Erwärmung kostet im Durchschnitt 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (ein enormer Wert, wenn man bedenkt, dass bereits Wachstumsraten im niedrigen einstelligen Bereich als „stark“ gelten). Ihre Arbeit gilt als wegweisend auf diesem Gebiet; ihrer mittleren Prognose zufolge wird das weltweite Pro-Kopf-Einkommen bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 23 Prozent sinken (bedingt durch Veränderungen in den Bereichen Landwirtschaft, Kriminalität, Stürme, Energieversorgung, Sterblichkeit und Arbeitswelt).
Noch beängstigender ist der Verlauf der Wahrscheinlichkeitskurve: Den Forschern zufolge besteht eine Wahrscheinlichkeit von 12 Prozent, dass der Klimawandel die weltweite Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2100 um mehr als 50 Prozent verringert, und eine Wahrscheinlichkeit von 51 Prozent, dass das Pro-Kopf-BIP bis dahin um 20 Prozent oder mehr sinkt – sofern die Emissionen nicht zurückgehen. Zum Vergleich: Die Große Rezession ließ das weltweite Bruttoinlandsprodukt durch einen einmaligen Schock um etwa 6 Prozent schrumpfen; Hsiang und seine Kollegen schätzen die Wahrscheinlichkeit auf eins zu acht, dass es bis Ende des Jahrhunderts zu dauerhaften und unumkehrbaren Auswirkungen kommt, die achtmal schwerwiegender sind.
Das Ausmaß dieser wirtschaftlichen Verwüstung ist kaum zu begreifen, doch man kann sich zunächst vorstellen, wie die Welt heute aussähe, wenn die Wirtschaft nur halb so groß wäre – wenn sie also nur die Hälfte an Wertschöpfung erbrächte und nur halb so viel zu bieten hätte für die Arbeitnehmer der Welt. Angesichts dessen erscheinen die Flugausfälle im vergangenen Monat in der von extremer Hitze geplagten Stadt Phoenix wie eine wirtschaftliche Bagatelle. Zudem lässt sich die Vorstellung, staatliche Maßnahmen zur Emissionsminderung aufzuschieben und sich bei der Problemlösung allein auf Wachstum und Technologie zu verlassen, als geradezu absurde wirtschaftliche Kalkulation entlarven.
Man sollte dabei bedenken: Jeder Hin- und Rückflug zwischen New York und London kostet die Arktis weitere drei Quadratmeter Eis.
VIII. Vergiftete Ozeane
Sulfid-Ausgasungen vor der Skelettküste.
Dass das Meer zur tödlichen Gefahr wird, ist gewiss. Ohne eine drastische Reduzierung der Emissionen werden wir bis zum Ende des Jahrhunderts einen Meeresspiegelanstieg von mindestens 1,20 Metern (vier Fuß) und möglicherweise drei Metern (zehn Fuß) erleben. Ein Drittel der wichtigsten Städte der Welt liegt an der Küste – ganz zu schweigen von Kraftwerken, Häfen, Marinestützpunkten, Ackerflächen, Fischereigebieten, Flussdeltas, Marschland und Reisanbaugebieten. Selbst Gebiete, die mehr als drei Meter über dem heutigen Meeresspiegel liegen, würden bei einem solchen Anstieg viel leichter und häufiger überflutet. Heute leben mindestens 600 Millionen Menschen in einer Höhe von weniger als zehn Metern über dem Meeresspiegel.
Doch der Verlust dieser Lebensräume ist erst der Anfang. Derzeit nehmen die Ozeane mehr als ein Drittel des weltweiten Kohlenstoffs auf – Gott sei Dank, denn sonst wäre die Erderwärmung bereits deutlich stärker ausgefallen. Die Folge ist jedoch die sogenannte „Ozeanversauerung“, die für sich genommen in diesem Jahrhundert zu einer zusätzlichen Erwärmung um ein halbes Grad führen könnte. Sie setzt zudem den Gewässern des Planeten – jenen Orten, an denen einst das Leben entstand – massiv zu. Sie haben sicher schon von der „Korallenbleiche“ gehört – also dem Absterben von Korallen. Das ist eine verheerende Entwicklung, denn Riffe beherbergen bis zu einem Viertel aller Meereslebewesen und dienen einer halben Milliarde Menschen als Nahrungsquelle. Die Ozeanversauerung wird auch Fischbestände direkt schädigen, wenngleich Wissenschaftler noch nicht genau vorhersagen können, welche Auswirkungen dies auf die Arten haben wird, die wir als Nahrung aus dem Meer holen. Bekannt ist jedoch, dass Austern und Muscheln in saurem Wasser Schwierigkeiten haben, ihre Schalen zu bilden, und dass ein Absinken des pH-Werts im menschlichen Blut in einem Ausmaß, wie es bei den Ozeanen in der letzten Generation geschehen ist, zu Krampfanfällen, Koma und plötzlichem Tod führt.
Das ist noch nicht alles, was die Ozeanversauerung bewirken kann. Die Kohlenstoffaufnahme kann eine Rückkopplungsschleife in Gang setzen, bei der sauerstoffarme Gewässer das Wachstum bestimmter Mikroben begünstigen; diese machen das Wasser noch „anoxischer“ – zunächst in den „Todeszonen“ der Tiefsee, dann allmählich bis hinauf zur Oberfläche. Dort sterben kleine Fische, weil sie nicht mehr atmen können; dies wiederum lässt sauerstoffzehrende Bakterien gedeihen, wodurch sich der Rückkopplungsprozess selbst verstärkt. Dieser Prozess, bei dem sich Todeszonen wie Krebsgeschwüre ausbreiten, das Meeresleben ersticken und Fischgründe vernichten, ist in Teilen des Golfs von Mexiko und vor der Küste Namibias bereits weit fortgeschritten; dort sprudelt Schwefelwasserstoff aus dem Meer – entlang eines rund 1600 Kilometer langen Küstenstreifens, der als „Skelettküste“ bekannt ist. Der Name bezog sich ursprünglich auf die Überreste des Walfangs, ist heute jedoch treffender denn je. Schwefelwasserstoff ist so giftig, dass die Evolution uns darauf programmiert hat, selbst winzige, noch ungefährliche Spuren davon wahrzunehmen – weshalb unsere Nasen so außerordentlich gut darin sind, Blähungen zu registrieren. Schwefelwasserstoff war zudem jener Stoff, der uns seinerzeit den Garaus machte, als 97 Prozent allen Lebens auf der Erde ausgelöscht wurden – nachdem alle Rückkopplungsschleifen in Gang gesetzt worden waren und die Strömungen des erwärmten Ozeans zum Erliegen gekommen waren; es ist das Gas, das der Planet für eine natürliche Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß bevorzugt. Nach und nach breiteten sich die Todeszonen der Ozeane aus und vernichteten Meeresarten, die die Weltmeere über Hunderte Millionen Jahre hinweg beherrscht hatten, während das Gas, das die trägen Wassermassen an die Atmosphäre abgaben, alles an Land vergiftete. Auch die Pflanzenwelt. Es dauerte Millionen von Jahren, bis sich die Ozeane wieder erholten.
IX. Der Große Filter
Die gegenwärtige Unheimlichkeit kann nicht von Dauer sein.
Warum also können wir sie nicht sehen? In seinem jüngsten, buchlangen Essay *The Great Derangement* fragt sich der indische Romanautor Amitav Ghosh, warum die globale Erwärmung und Naturkatastrophen nicht zu zentralen Themen der zeitgenössischen Belletristik geworden sind – warum wir uns die Klimakatastrophe offenbar nicht vorstellen können und warum es noch keine Welle von Romanen in jenem Genre gibt, das er gewissermaßen herbeidenkt und als „das Unheimliche der Umwelt“ (*the environmental uncanny*) bezeichnet. „Denken Sie zum Beispiel an die Geschichten, die sich um Fragen ranken wie: ‚Wo waren Sie, als die Berliner Mauer fiel?‘ oder ‚Wo waren Sie am 11. September?‘“, schreibt er. „Wird es jemals möglich sein, in ähnlicher Weise zu fragen: ‚Wo waren Sie bei 400 ppm?‘ oder ‚Wo waren Sie, als das Larsen-B-Schelfeis zerbrach?‘“ Seine Antwort: Wahrscheinlich nicht, denn die Dilemmata und Dramen des Klimawandels sind schlichtweg unvereinbar mit der Art von Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen – insbesondere in Romanen, die eher den Weg eines individuellen Gewissens betonen als das giftige Miasma gesellschaftlichen Schicksals.
Gewiss wird diese Blindheit nicht ewig währen – die Welt, in der wir künftig leben werden, wird sie nicht zulassen. In einer um sechs Grad wärmeren Welt wird das Ökosystem der Erde von so vielen Naturkatastrophen aufgewühlt sein, dass wir sie schlicht als „Wetter“ bezeichnen werden: ein ständiger Schwarm außer Kontrolle geratener Taifune, Tornados, Überschwemmungen und Dürren; der Planet wird regelmäßig von Klimaereignissen heimgesucht, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit ganze Zivilisationen vernichtet haben. Die stärksten Hurrikans werden häufiger auftreten, und wir werden neue Kategorien erfinden müssen, um sie zu beschreiben; Tornados werden länger und breiter werden und weitaus häufiger zuschlagen, und die Hagelkörner werden ihre Größe vervierfachen. Früher beobachteten die Menschen das Wetter, um die Zukunft vorherzusagen; künftig werden wir in seinem Zorn die Rache der Vergangenheit erkennen. Frühe Naturforscher sprachen oft von der „Deep Time“ – jener Wahrnehmung der tiefen Langsamkeit der Natur, die sich ihnen beim Anblick der Erhabenheit dieses Tals oder jenes Felsbeckens erschloss. Was uns bevorsteht, gleicht eher dem, was Anthropologen des viktorianischen Zeitalters als „Traumzeit“ oder „Allzeit“ (everywhen) bezeichneten: jener halb-mythischen Erfahrung – wie sie von den Aborigines Australiens beschrieben wird –, im gegenwärtigen Augenblick einer zeitlosen Vergangenheit zu begegnen, in der Ahnen, Helden und Halbgötter eine epische Bühne bevölkerten. Man kann dieses Gefühl bereits erleben, wenn man Aufnahmen davon sieht, wie ein Eisberg ins Meer stürzt – das Gefühl, dass Geschichte sich in einem einzigen Moment konzentriert.
Und so ist es auch. Viele Menschen betrachten den Klimawandel als eine Art moralische und wirtschaftliche Schuld, die sich seit Beginn der Industriellen Revolution angehäuft hat und nach mehreren Jahrhunderten nun fällig geworden ist – eine in gewisser Weise hilfreiche Sichtweise, denn es waren die Prozesse der Kohlenstoffverbrennung, die im England des 18. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen und die Lunte an all das legten, was folgte. Doch mehr als die Hälfte des Kohlenstoffs, den die Menschheit in ihrer gesamten Geschichte in die Atmosphäre ausgestoßen hat, wurde in den letzten drei Jahrzehnten freigesetzt; seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind es sogar 85 Prozent. Das bedeutet, dass die globale Erwärmung uns innerhalb einer einzigen Generation an den Rand einer planetaren Katastrophe geführt hat und dass die Geschichte dieser Kamikaze-Mission der Industriewelt zugleich die Geschichte eines einzigen Menschenlebens ist. Etwa das meines Vaters: Geboren 1938, gehören zu seinen ersten Erinnerungen die Nachrichten über Pearl Harbor und die mythisch überhöhte Luftwaffe aus den darauf folgenden Propagandafilmen – Filme, die zugleich als Werbung für die imperial-amerikanische Industriemacht dienten; zu seinen letzten Erinnerungen zählen die Berichte über die verzweifelte Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens im Nachrichtensender, zehn Wochen bevor er im vergangenen Juli an Lungenkrebs starb. Oder das meiner Mutter: Geboren 1945 als Kind deutscher Juden, die vor den Schornsteinen geflohen waren, in denen ihre Verwandten verbrannt worden waren; heute genießt sie ihr 72. Lebensjahr in einem amerikanischen Paradies des Konsums – einem Paradies, das von den Lieferketten einer industrialisierten Entwicklungswelt gestützt wird. Seit 57 Jahren raucht sie nun schon – Zigaretten ohne Filter.
Oder die der Wissenschaftler. Einige der Männer, die als Erste den Klimawandel erkannten – und angesichts der damaligen Generation waren es Männer, die Berühmtheit erlangten –, leben noch; einige sind sogar noch berufstätig. Wally Broecker ist 84 Jahre alt und fährt jeden Tag von der Upper West Side aus über den Hudson zur Arbeit am Lamont-Doherty Earth Observatory. Wie die meisten derer, die früh Alarm schlugen, ist er der Ansicht, dass eine bloße Reduzierung der Emissionen nicht ausreicht, um die Katastrophe wirksam abzuwenden. Stattdessen setzt er auf „Carbon Capture“ – eine noch nicht erprobte Technologie zur Abscheidung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre, deren Kosten Broecker auf mindestens mehrere Billionen Dollar schätzt – sowie auf verschiedene Formen des „Geoengineering“. Dieser Sammelbegriff umfasst eine Reihe von hochambitionierten, geradezu utopischen Technologien, die vielen Klimaforschern so abwegig erscheinen, dass sie sie eher als Träume – oder Albträume – aus der Science-Fiction betrachten. Sein besonderes Augenmerk gilt dem sogenannten Aerosol-Ansatz: Dabei wird so viel Schwefeldioxid in die Atmosphäre freigesetzt, dass es sich in Schwefelsäure umwandelt, ein Fünftel des Horizonts eintrübt und zwei Prozent der Sonnenstrahlen reflektiert – was dem Planeten zumindest etwas Spielraum in Bezug auf die Erwärmung verschaffen würde. „Natürlich würde das unsere Sonnenuntergänge tiefrot färben, den Himmel bleichen und zu mehr saurem Regen führen“, sagt er. „Aber man muss das Ausmaß des Problems sehen. Man darf nicht den Fehler machen, ein gewaltiges Problem nicht lösen zu wollen, nur weil die Lösung einige kleinere Probleme verursacht.“ Er selbst werde das nicht mehr erleben, sagte er mir. „Aber zu Ihren Lebzeiten …“
Jim Hansen ist ein weiteres Mitglied dieser Generation von Pionieren. Er wurde 1941 geboren, arbeitete als Klimaforscher an der University of Iowa und entwickelte das bahnbrechende „Zero Model“ zur Prognose des Klimawandels. Später leitete er die Klimaforschung der NASA, verließ die Behörde jedoch unter Druck, nachdem er – noch als Bundesangestellter – die Regierung wegen Untätigkeit in der Klimapolitik verklagt hatte (nebenbei wurde er bei Protestaktionen auch mehrfach festgenommen). Die Klage, die von der Organisation „Our Children’s Trust“ eingereicht wurde und oft unter dem Motto „Kinder gegen den Klimawandel“ steht, stützt sich auf den Grundsatz der Gleichbehandlung (Equal Protection Clause): Die Regierung verletze diesen Grundsatz, indem sie angesichts der Erderwärmung untätig bleibe und künftigen Generationen dadurch enorme Kosten aufbürde; die Verhandlung vor dem Bezirksgericht in Oregon ist für diesen Winter angesetzt. Hansen hat inzwischen den Ansatz aufgegeben, das Klimaproblem allein durch eine CO2-Steuer zu lösen – was zuvor sein bevorzugter Weg gewesen war –, und berechnet nun die Gesamtkosten für eine zusätzliche Maßnahme: die Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre.
*This article appears in the July 10, 2017, issue of New York Magazine.
Hansen begann seine Laufbahn mit der Erforschung der Venus – einst ein erdähnlicher Planet mit reichlich lebensnotwendigem Wasser, bevor ein außer Kontrolle geratener Klimawandel ihn rasch in eine trockene, unbewohnbare und von einer unatembaren Gashülle umgebene Kugel verwandelte. Mit 30 Jahren verlagerte er seinen Forschungsschwerpunkt auf unseren eigenen Planeten; er fragte sich, warum er durch das Sonnensystem spähen sollte, um rasche Umweltveränderungen zu untersuchen, wenn er diese direkt um sich herum auf dem Planeten beobachten konnte, auf dem er stand. „Als wir 1981 unsere erste Arbeit zu diesem Thema verfassten“, erzählte er mir, „sagte ich zu einem meiner Koautoren: ‚Das wird sehr interessant werden. Irgendwann im Laufe unserer Karriere werden wir erleben, wie diese Dinge tatsächlich geschehen.‘“
Mehrere der Wissenschaftler, mit denen ich sprach, sahen in der globalen Erwärmung eine mögliche Lösung für das berühmte Fermi-Paradoxon, das die Frage aufwirft: Wenn das Universum so riesig ist, warum sind wir dann noch auf kein anderes intelligentes Leben gestoßen? Die Antwort, so ihre Vermutung, liegt darin, dass die natürliche Lebensdauer einer Zivilisation womöglich nur einige tausend Jahre beträgt – und die einer Industriegesellschaft vielleicht sogar nur wenige hundert. In einem Universum, das viele Milliarden Jahre alt ist und in dem Sternsysteme ebenso sehr durch Zeit wie durch Raum voneinander getrennt sind, könnten Zivilisationen entstehen, sich entwickeln und sich selbst zugrunde richten – und das alles schlicht zu schnell, als dass sie jemals aufeinandertreffen könnten. Peter Ward, ein charismatischer Paläontologe und Mitentdecker der Tatsache, dass Treibhausgase für die Massenaussterbeereignisse der Erdgeschichte verantwortlich waren, bezeichnet dieses Phänomen als den „Großen Filter“: „Zivilisationen entstehen, doch es gibt einen Umweltfilter, der dazu führt, dass sie wieder aussterben und recht schnell verschwinden“, erklärte er mir. „Betrachtet man die Erde, so zeigten sich diese Filtermechanismen in der Vergangenheit in Form von Massenaussterben.“ Das Massenaussterben, das wir derzeit durchleben, hat gerade erst begonnen; es steht uns noch ein gewaltiges Sterben bevor.
Und doch ist Ward – wider Erwarten – ein Optimist. Ebenso wie Broecker, Hansen und viele der anderen Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe. Wir haben rund um den Klimawandel keine Sinnstiftung oder Religion entwickelt, die uns angesichts einer möglichen Vernichtung Trost oder einen Lebenszweck bieten könnte. Doch Klimaforscher hegen eine eigenartige Zuversicht: Wir werden einen Weg finden, eine radikale Erwärmung abzuwenden, sagen sie – weil wir es müssen. Es ist schwer zu beurteilen, inwieweit man aus dieser düsteren Gewissheit Zuversicht schöpfen oder sich fragen sollte, ob es sich dabei nicht um eine weitere Form der Selbsttäuschung handelt; denn damit die globale Erwärmung als Gleichnis taugt, muss natürlich jemand überleben, der die Geschichte erzählen kann. Wissenschaftler wissen: Um auch nur die Pariser Klimaziele zu erreichen, müssen die CO2-Emissionen aus Energieerzeugung und Industrie – die derzeit noch steigen – bis 2050 in jedem Jahrzehnt halbiert werden; die Emissionen aus der Landnutzung (Abholzung, Methanausstoß von Rindern usw.) müssen auf null sinken; und wir müssen Technologien entwickeln, die jährlich doppelt so viel Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernen, wie es derzeit die gesamte Vegetation des Planeten tut. Dennoch hegen die Wissenschaftler im Großen und Ganzen ein enormes Vertrauen in den menschlichen Erfindungsreichtum – ein Vertrauen, das womöglich durch ihr Verständnis des Klimawandels gestärkt wird, handelt es sich dabei doch ebenfalls um ein von Menschen verursachtes Phänomen. Sie verweisen auf das Apollo-Programm, das in den 1980er-Jahren geschlossene Ozonloch und das Schwinden der Angst vor der gegenseitigen nuklearen Vernichtung. Wir haben einen Weg gefunden, unseren eigenen Weltuntergang herbeizuführen, und wir werden sicherlich auch einen Weg finden, uns – auf die eine oder andere Weise – wieder daraus zu befreien. Der Planet ist es nicht gewohnt, auf diese Weise herausgefordert zu werden, und Klimasysteme, deren Rückkopplungen sich über Jahrhunderte oder Jahrtausende erstrecken, verhindern, dass wir uns das bereits angerichtete Unheil in vollem Umfang vor Augen führen – selbst wenn wir das Geschehen aufmerksam verfolgen. Doch sobald wir die Welt, die wir geschaffen haben, wirklich sehen, so heißt es, werden wir auch einen Weg finden, sie bewohnbar zu machen. Die Alternative ist für sie schlicht unvorstellbar.
*Dieser Artikel erschien in der Ausgabe des *New York Magazine* vom 10. Juli 2017.
Dieser Artikel wurde aktualisiert, um Kontext zu den jüngsten Berichten über Überarbeitungen eines Satellitendatensatzes zu liefern, die Erwärmungsrate während des Paläozän-Eozän-Temperaturmaximums präziser darzustellen, einen Verweis auf Peter Brannens Buch *The Ends of the World* zu präzisieren und klarzustellen, dass James Hansen weiterhin einen auf einer CO₂-Steuer basierenden Ansatz zur Emissionsminderung befürwortet.
Aber auch der Status ist für einige Wohnungseigentümer ein Grund , um ihren Wohlstand und Erfolg zu symbolisieren.
Manche wiederum suchen Nähe und gleichzeitige Distanz zur Natur. Höhe kann ein Gefühl von Kontrolle und Überblick bedeuten. Die Gründe sind somit vielfälltig, um sich hier niederzulassen.
Doch werden diese Menschen für immer dort wohnen können ? Antwort: Nein, dass werden sie nicht.
Der Grund dafür ist im Kommentar weiter unten zu lesen....
…...............
Ausflug in der Bucht von Cartagena / Kolumbien. Die Hochhäuser stehen dicht gedrängt am Ufer. Das verspricht hohe Rendite.
Aber wie sicher sind diese Häuser am Strand eigentlich vor Naturkatastrophen ? Wenn man dieses Foto sieht, kann man sich leicht vorstellen, was bereits ein starker Sturm anstellen kann.
Kürzlichg gab es wieder ein größeres Erdben der Stärke 7,4 in der Nähe der Pazifikküste, westlich von Bogota/Kolumbien. Cartagena , nicht weit entfernt, war nicht stark betroffen, wenn auch Erschütterungen zu spühren waren. Nicht auszudenken, wenn auch diese Gebäude wie Kartenhäuser zusammenbrechen. Die Bilder kennen wir alle aus den Nachrichten.
Hurrikanes gibt es sehr selten auf dem kolumbianischen Festland. Schon eher auf den vorgelagerten Inseln.
Und Tsunamies gab es bisher auch immer „nur“ an der Pazifikküste vor Kolumbien (Puerto Rico oder Hispaniola), doch nicht an der Karibikküste, an der sich Cartagena befindet.
Aber...die ersten Hochhäuser am Strand fangen bei ca. 2m über der Wasseroberfläche an. Dann steigt das Gelände der Stadt bis auf ca. 21 m. Aber falls ein Tsunami doch nach Cartagena kommen würde, wären die 2 m auch kein Hindernis mehr, da Tsunamies in dieser Region eine Höhe von 6-8m hoch erreichen können.
Erdbeben, Hurrikanes oder Tsunamies sind unregelmäßige Naturereignisse, die kaum vorhersehbare Zeitintervalle haben. Bei diesen Ereignissen scheint Cartagena bisher noch relativ sicher zu sein. Aber wer weiß das schon ?
Doch ein Naturereignis ist bereits voraussehbar, der die Existenz der schönen Wohnanlagen an diesen und anderen Stränden gefährden, bzw. vernichten wird. Es ist der Klimawandel. Warum ? Das ist doch nur Hitze? Sollte man denken.
Die Wissenschaft warnt bereits über einige Jahrzehnte vor den Folgen, die auf uns weltweit zukommen, bzw. bereits eingetreten sind. In einem langen Bericht eines seriösen Politikmagazins las ich einen Artikel über den derzeitigen und kommenden Klimawandel auf der Erde.
Hier ein Auszug aus diesem Bericht:
Der amerikanische Journalist und Autor David Wallace-Wells hat 2017 einen Artikel im »New York«-Magazin veröffentlicht mit dem Titel»Die unbewohnbare Erde« , aus dem später auch ein Buch wurde. Er beschreibt darin, wie sich Teile der Welt durch den Klimawandel so verändern, dass Menschen dort auf absehbare Zeit nicht mehr leben können.
Ein Blick hinter die wissenschaftliche Zurückhaltung.
Ich, der Autor, versichere Ihnen: Es ist schlimmer, als Sie denken. Wenn Ihre Sorgen hinsichtlich der globalen Erwärmung vor allem vom Anstieg des Meeresspiegels geprägt sind, kratzen Sie kaum an der Oberfläche dessen, welche Schreckensszenarien möglich sind – und zwar noch zu Lebzeiten heutiger Teenager. Und doch haben die anschwellenden Meere – und die Städte, die sie verschlingen werden – das Bild der globalen Erwärmung so sehr dominiert und unsere Kapazität für Klima-Panik so stark beansprucht, dass sie den Blick auf andere Bedrohungen verstellt haben; Bedrohungen, von denen viele weitaus unmittelbarer bevorstehen. Steigende Meeresspiegel sind schlimm, sogar sehr schlimm; doch die Flucht von den Küsten wird nicht ausreichen.
Zitat - Ende.
Wenn man den ganzen Bericht liest, hat man eine ungefähre Vorstellung davon, was uns Lebewesen auf diesem Planet bis 2050 oder gar bis 2100 wiederfahren wird. Dann werden u.a. diese Städte am Meer (wie im Foto gezeigt) nicht mehr bewohnbar sein. Es scheint aber keine Regierung zu stören. Es werden weiterhin die Küstenregionen bebaut werden, die sehr gute Steuereinnahmen garantieren. Nach dem Motto: nach mir die Sintflut und der Rubel muss rollen!
Die Perspektive des Fotos zeigte mir deutlich, wie unbekümmert und kurzfristig wir Menschen handeln, obwohl seit vielen Jahren bekannt ist, dass der Meeresspiegel lt. Umweltbundesamt um bis zu 2m im Extremfall steigen kann, wenn die Eisschilde in der Antarktis und Grönland unkontrolliert bis 2100 abschmilzen werden. Was das für die Küstenstädte bedeutet, kann man sich gut vorstellen. Schon ein Anstieg von 1m lässt ca. 2100 flache Inseln und Atolle in der Karibik verschwinden. (Wer möchte, dem schicke ich gerne den Bericht in der privaten Post einmal zu.)
Die Generationen nach uns werden das erleben müssen, was wir heute wissen, aber nicht sehen und nicht verhindern wollen. So sind wir Menschen gestrickt. Es muss erst weh tun, bis wir etwas ändern. Nur dann ist es meistens zu spät. Die wenigen Gruppen, die etwas verändern wollen, haben nicht die Macht, die richtigen Weichen zu stellen.
Die Wissenschaft hat berechnet, dass 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff im Permafrostboden lagert (Antarktis und Grönland gerechnet, ohne Sibirien). Dieser Kohlenstoff tritt bereits immer mehr aus der schmilzenden Bodenoberfläche des Permafrosts aus und verbindet sich mit der Luft zu Methangas. Dieses Gas ist um ein vielfaches schlimmer für die Erderwärmung, als das bereits freie Kohlendioxid in der Luft, was wir mit unserer Industrie oder den Autos und Häusern immer mehr ausstoßen. Und die 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff aus dem Permafrostboden sind doppelt so viel, wie die derzeitige Erdatmosphäre besitzt. Das bedarf dann wohl keiner weiteren Erklärung mehr.
Darum: Quo vadis Menschheit ?
Für ganz interessierte Leute. Lang, aber ernüchternd !
Bericht im „Spiegel“ Magazin
Die Klimakatastrophe ist Alltag
Der amerikanische Journalist und Autor David Wallace-Wells hat 2017 einen Artikel im »New York«-Magazin veröffentlicht mit dem Titel»Die unbewohnbare Erde« , aus dem später auch ein Buch wurde. Er beschreibt darin, wie sich Teile der Welt durch den Klimawandel so verändern, dass Menschen dort auf absehbare Zeit nicht mehr leben können. Wallace-Wells wurde vielfach zitiert, jedoch auch für seine Analyse angefeindet, Kritiker warfen ihm Alarmismus vor.
Tatsächlich aber hat sich Wallace-Wells’ Befund seit Erscheinen des Artikels nur immer weiter bestätigt. Es sind nicht mehr nur Landstriche in Asien oder Afrika, die zu Wüsten werden. Auch in Europa, auf dem Kontinent, der sich so schnell erhitzt wie kein anderer, stellen sich Menschen zunehmend Existenzfragen . Es reicht, auf die Meldungen der vergangenen Tage zu schauen, um das Ausmaß der Krise zu begreifen.
Eine Auswahl:
In den Alpen liefern Hubschrauber Trinkwasser, weil auf den Hütten das Bergwasser knapp wird.
Auf dem Rhein ist der Pegel zwischenzeitlich auf 24 Zentimeter gesunken, Schifffahrt ist dort kaum mehr möglich.
Ungarn schaltete wegen der Hitze das Atomkraftwerk Paks ab, dem Land fehlt gerade die Hälfte des Stroms.
Die Klimakatastrophe ist keine ferne Dystopie mehr. Sie ist längst Alltag, das neue Normal, auch in Europa. Das Problem ist, dass weder Politik noch Gesellschaft der Herausforderung gerade auch nur ansatzweise gerecht werden . Statt alles daranzusetzen, die Krise zumindest einzudämmen, werden Maßnahmen zum Klimaschutz eher noch zurückgefahren. Die Klimakatastrophe lässt sich allerdings nur so lange verdrängen, bis sie sich – durch Dürren, Brände, Fluten – nicht mehr verdrängen lässt.
„Weltuntergang“Autor David Wallace-Wells schrieb:
I. ‘Doomsday’
Ein Blick hinter die wissenschaftliche Zurückhaltung.
Ich versichere Ihnen: Es ist schlimmer, als Sie denken. Wenn Ihre Sorgen hinsichtlich der globalen Erwärmung vor allem vom Anstieg des Meeresspiegels geprägt sind, kratzen Sie kaum an der Oberfläche dessen, welche Schreckensszenarien möglich sind – und zwar noch zu Lebzeiten heutiger Teenager. Und doch haben die anschwellenden Meere – und die Städte, die sie verschlingen werden – das Bild der globalen Erwärmung so sehr dominiert und unsere Kapazität für Klima-Panik so stark beansprucht, dass sie den Blick auf andere Bedrohungen verstellt haben; Bedrohungen, von denen viele weitaus unmittelbarer bevorstehen. Steigende Meeresspiegel sind schlimm, sogar sehr schlimm; doch die Flucht von den Küsten wird nicht ausreichen.
Tatsächlich dürften – sofern sich die Lebensweise von Milliarden Menschen nicht grundlegend ändert – Teile der Erde schon bis Ende dieses Jahrhunderts nahezu unbewohnbar und andere auf schreckliche Weise lebensfeindlich werden.
Selbst wenn wir unseren Blick auf den Klimawandel richten, sind wir außerstande, dessen Ausmaß zu begreifen. Im vergangenen Winter heizten ungewöhnlich warme Tage – mit Temperaturen, die 60 bis 70 Grad Fahrenheit (etwa 33 bis 39 Grad Celsius) über dem Normalwert lagen – den Nordpol auf. Dabei taute der Permafrostboden auf, der den norwegischen Saatgut-Tresor auf Spitzbergen umschloss – eine weltweite Saatgut-Reserve mit dem Spitznamen „Doomsday“ (Weltuntergang), die eigentlich das Überleben unserer Landwirtschaft bei jeder Katastrophe sichern sollte. Doch weniger als zehn Jahre nach ihrer Errichtung schien die Anlage durch den Klimawandel bereits überflutet worden zu sein.
Dem „Doomsday-Tresor“ geht es vorerst gut: Die Anlage wurde gesichert, und das Saatgut ist in Sicherheit. Doch wer diesen Vorfall lediglich als Gleichnis für drohende Überflutungen betrachtet, übersieht die eigentlich wichtige Nachricht. Bis vor Kurzem galt der Permafrost für Klimaforscher nicht als vorrangiges Problem, da es sich – wie der Name schon sagt – um Boden handelte, der dauerhaft gefroren blieb. Doch der arktische Permafrost speichert 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff; das ist mehr als doppelt so viel, wie sich derzeit in der Erdatmosphäre befindet. Wenn dieser Boden auftaut und der Kohlenstoff freigesetzt wird, kann er als Methan entweichen. Methan wirkt als Treibhausgas – bezogen auf einen Zeitraum von hundert Jahren – 34-mal stärker erwärmend als Kohlendioxid; betrachtet man einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten, ist seine Wirkung sogar 86-mal stärker. Anders ausgedrückt: Im arktischen Permafrost ist doppelt so viel Kohlenstoff gebunden, wie derzeit die Atmosphäre unseres Planeten belastet. All dieser Kohlenstoff droht freigesetzt zu werden – und zwar zu einem Zeitpunkt, der immer weiter nach vorne rückt –, teilweise in Form eines Gases, dessen wärmende Wirkung 86-mal stärker ist als die von CO₂.
Vielleicht ist Ihnen das bereits bekannt – schließlich gibt es täglich alarmierende Meldungen. Da war zum Beispiel die Nachricht vom vergangenen Monat, wonach Satellitendaten angeblich zeigten, dass sich die Erde seit 1998 mehr als doppelt so schnell erwärmt hat, als Wissenschaftler zuvor angenommen hatten (tatsächlich war die zugrunde liegende Meldung weit weniger beunruhigend als die Schlagzeilen). Oder die Nachrichten aus der Antarktis vom vergangenen Mai: Ein Riss in einem Schelfeisgebiet wuchs innerhalb von sechs Tagen um rund 18 Kilometer (11 Meilen) an und breitete sich weiter aus; mittlerweile fehlen nur noch knapp fünf Kilometer (3 Meilen) bis zum offenen Wasser. Wenn Sie diese Zeilen lesen, hat der Riss das offene Meer womöglich bereits erreicht, und einer der größten Eisberge aller Zeiten wird ins Meer abbrechen – ein Vorgang, der poetisch als „Kalben“ bezeichnet wird.
Doch ganz gleich, wie gut informiert Sie auch sein mögen – Sie sind sicherlich nicht ausreichend alarmiert. In den vergangenen Jahrzehnten hat unsere Kultur apokalyptische Züge angenommen – man denke nur an Zombiefilme und „Mad Max“-Dystopien, die womöglich das kollektive Ergebnis verdrängter Klimaängste sind. Und doch mangelt es uns an der nötigen Vorstellungskraft, wenn es darum geht, die realen Gefahren der Erderwärmung zu erfassen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: die zurückhaltende Sprache wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeiten – der Klimatologe James Hansen bezeichnete dies einst als „wissenschaftliche Zurückhaltung“ (scientific reticence) und kritisierte, Wissenschaftler würden ihre Beobachtungen so gewissenhaft redigieren, dass sie versäumten, das wahre Ausmaß der Bedrohung zu vermitteln; die Tatsache, dass das Land von einer Gruppe von Technokraten dominiert wird, die an die Lösbarkeit jedes Problems glauben, sowie von einer Gegenströmung, die die Erwärmung nicht einmal als ein Problem betrachtet, das angegangen werden müsste; die Art und Weise, wie die Leugnung des Klimawandels Wissenschaftler dazu veranlasst hat, bei spekulativen Warnungen noch vorsichtiger zu agieren; das schiere Tempo des Wandels – und zugleich dessen Langsamkeit, sodass wir erst heute die Auswirkungen der Erwärmung aus vergangenen Jahrzehnten zu spüren bekommen; unsere Unsicherheit im Umgang mit der Ungewissheit – ein Faktor, der uns laut der Klimaexpertin Naomi Oreskes daran hindert, uns auf Szenarien vorzubereiten, die über den mittleren Erwartungswert hinausgehen; die Annahme, der Klimawandel werde vor allem andere Regionen treffen und nicht uns alle; die geringe Größe (zwei Grad), die enorme Größe (1,8 Billionen Tonnen) und die Abstraktheit (400 ppm) der Zahlenwerte; das Unbehagen bei dem Gedanken an ein Problem, das nur schwer oder gar nicht zu lösen ist; das schlicht unfassbare Ausmaß dieses Problems, das letztlich die Gefahr unserer eigenen Vernichtung birgt; und schließlich schlichte Angst. Doch auch eine aus Angst resultierende Abwehrhaltung ist eine Form der Verleugnung.
Zwischen wissenschaftlicher Zurückhaltung und Science-Fiction steht die Wissenschaft selbst. Dieser Artikel ist das Ergebnis zahlreicher Interviews und Gespräche mit Klimatologen sowie Forschern aus verwandten Fachgebieten und stützt sich auf Hunderte wissenschaftlicher Publikationen zum Thema Klimawandel. Im Folgenden werden keine Prognosen darüber aufgestellt, was geschehen wird – denn dies hängt maßgeblich von der menschlichen Reaktion ab, deren Erforschung weitaus unsicherer ist. Vielmehr zeichnet der Text ein Bild unseres derzeit besten Wissensstands darüber, wohin sich der Planet ohne entschlossenes Handeln entwickelt. Es ist unwahrscheinlich, dass all diese Erwärmungsszenarien tatsächlich voll eintreten werden – vor allem deshalb, weil die unterwegs entstehenden Verwüstungen unsere Selbstgefälligkeit erschüttern dürften. Doch genau diese Szenarien – und nicht das heutige Klima – bilden die Ausgangsbasis. Tatsächlich stellen sie unseren Zeitplan dar.
Die gegenwärtige Realität des Klimawandels – die Zerstörung, die wir bereits in unsere Zukunft eingebaut haben – ist erschreckend genug. Die meisten Menschen sprechen so, als hätten Miami und Bangladesch noch eine Überlebenschance; die meisten Wissenschaftler, mit denen ich sprach, gehen jedoch davon aus, dass wir diese Gebiete noch in diesem Jahrhundert verlieren werden – selbst wenn wir die Verbrennung fossiler Brennstoffe im nächsten Jahrzehnt einstellen. Eine Erwärmung um zwei Grad galt einst als Schwelle zur Katastrophe: Zehnmillionenfachen Zustrom von Klimaflüchtlingen in eine unvorbereitete Welt hätte dies zur Folge. Heute sind zwei Grad unser Ziel gemäß dem Pariser Klimaabkommen, doch Experten räumen uns nur geringe Chancen ein, dieses auch zu erreichen. Der Weltklimarat (IPCC) veröffentlicht regelmäßig Berichte, die oft als „Goldstandard“ der Klimaforschung gelten; der jüngste Bericht prognostiziert eine Erwärmung um vier Grad bis zum Beginn des nächsten Jahrhunderts, sollten wir unseren derzeitigen Kurs beibehalten. Doch dies ist lediglich ein mittlerer Prognosewert.
Das obere Ende der Wahrscheinlichkeitskurve reicht bis zu acht Grad – und die Autoren haben noch immer keine Lösung für das Problem des schmelzenden Permafrosts gefunden. Zudem berücksichtigen die IPCC-Berichte nicht vollständig den Albedo-Effekt (weniger Eis bedeutet weniger reflektiertes und mehr absorbiertes Sonnenlicht, folglich mehr Erwärmung), die zunehmende Wolkenbildung (die Wärme speichert) oder das Absterben von Wäldern und anderer Vegetation (die der Atmosphäre Kohlenstoff entziehen). All diese Faktoren dürften die Erwärmung beschleunigen, und die Geschichte unseres Planeten zeigt, dass die Temperatur innerhalb von nur dreizehn Jahren um bis zu fünf Grad Celsius schwanken kann. Als der Planet das letzte Mal um vier Grad wärmer war – so weist Peter Brannen in seinem neuen Buch *The Ends of the World* über die großen Massenaussterben der Erdgeschichte darauf hin –, lagen die Meeresspiegel um Hunderte von Fuß höher.*
Die Erde hat vor dem aktuellen bereits fünf Massenaussterben erlebt – Ereignisse, die die Spuren der Evolution so gründlich auslöschten, dass sie wie ein Zurücksetzen der planetaren Uhr wirkten. Viele Klimaforscher betrachten sie als das beste Vergleichsszenario für die ökologische Zukunft, auf die wir ungebremst zusteuern. Sofern Sie kein Teenager sind, haben Sie in der Schule wahrscheinlich gelernt, dass diese Aussterbeereignisse durch Asteroideneinschläge verursacht wurden. Tatsächlich waren jedoch – mit Ausnahme jenes Ereignisses, das die Dinosaurier auslöschte – alle anderen auf einen durch Treibhausgase verursachten Klimawandel zurückzuführen.
Das verheerendste dieser Ereignisse fand vor 252 Millionen Jahren statt: Es begann, als Kohlenstoff den Planeten um fünf Grad erwärmte; die Entwicklung beschleunigte sich, als diese Erwärmung Methanfreisetzungen in der Arktis auslöste, und endete mit dem Tod von 97 Prozent allen Lebens auf der Erde. Wir reichern die Atmosphäre derzeit weitaus schneller mit Kohlenstoff an – nach den meisten Schätzungen mindestens zehnmal schneller. Und dieses Tempo nimmt weiter zu. Genau das hatte Stephen Hawking im Sinn, als er im Frühjahr erklärte, die Menschheit müsse im kommenden Jahrhundert andere Planeten besiedeln, um zu überleben; und das war auch der Beweggrund für Elon Musk, im vergangenen Monat seine Pläne für eine Mars-Kolonie vorzustellen, die in 40 bis 100 Jahren entstehen soll. Natürlich sind dies keine Fachleute auf diesem Gebiet, und sie neigen womöglich ebenso zu irrationaler Panik wie Sie oder ich.
Doch auch die vielen besonnenen Wissenschaftler, mit denen ich in den letzten Monaten gesprochen habe – hochrangige Experten mit festen akademischen Positionen, von denen nur wenige zu Alarmismus neigen und viele den IPCC beraten (und dessen Zurückhaltung dennoch kritisieren) –, sind stillschweigend zu einer apokalyptischen Schlussfolgerung gelangt: Kein noch so plausibles Programm zur Emissionsminderung kann für sich genommen die Klimakatastrophe abwenden.
In den letzten Jahrzehnten hat der Begriff „Anthropozän“ den Sprung aus dem akademischen Diskurs in das öffentliche Bewusstsein geschafft. Er bezeichnet das geologische Zeitalter, in dem wir heute leben, und signalisiert, dass es sich um eine neue Ära handelt – eine Epoche, die auf der Zeittafel der Erdgeschichte durch menschliche Eingriffe definiert wird. Ein Problem dieses Begriffs besteht darin, dass er eine Unterwerfung der Natur suggeriert (und sogar Anklänge an die biblische „Herrschaft über die Erde“ aufweist). Mag man auch noch so zuversichtlich sein angesichts der Tatsache, dass wir die natürliche Welt bereits verwüstet haben – was wir zweifellos getan haben –, so ist es doch etwas völlig anderes, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass wir sie lediglich herausgefordert haben: Indem wir – erst aus Unwissenheit, dann aus Verleugnung – ein Klimasystem geschaffen haben, das nun über viele Jahrhunderte hinweg Krieg gegen uns führen wird, womöglich bis zu unserer Vernichtung.
Genau das meint Wallace Smith Broecker, jener väterlich wirkende Ozeanograph, der den Begriff „globale Erwärmung“ geprägt hat, wenn er den Planeten als „zorniges Biest“ bezeichnet. Man könnte auch von einer „Kriegsmaschine“ sprechen. Jeden Tag rüsten wir sie weiter auf.
II. Hitzetod
Die „Bahrainisierung“ New Yorks.
Menschen sind – wie alle Säugetiere – Wärmekraftmaschinen; Überleben bedeutet, sich ständig abkühlen zu müssen, ähnlich wie hechelnde Hunde. Dafür muss die Umgebungstemperatur niedrig genug sein, damit die Luft als eine Art Kühlmittel wirken und der Haut Wärme entziehen kann, damit der „Motor“ weiterlaufen kann. Bei einer Erwärmung um sieben Grad würde dies für weite Teile des äquatorialen Gürtels – und insbesondere für die Tropen, wo die Luftfeuchtigkeit das Problem verschärft – unmöglich werden; in den Dschungeln Costa Ricas etwa, wo die Luftfeuchtigkeit regelmäßig über 90 Prozent liegt, wäre schon ein bloßer Aufenthalt im Freien bei Temperaturen von mehr als 40,5 Grad Celsius (105 Grad Fahrenheit) tödlich. Und die Wirkung träte rasch ein: Innerhalb weniger Stunden würde ein menschlicher Körper von innen und außen buchstäblich zu Tode gekocht.
Klimaskeptiker weisen zwar darauf hin, dass sich der Planet schon oft erwärmt und abgekühlt hat, doch das Zeitfenster, das menschliches Leben überhaupt erst ermöglichte, ist selbst gemessen an der Erdgeschichte sehr schmal. Bei einer Erwärmung um 11 oder 12 Grad würde mehr als die Hälfte der heutigen Weltbevölkerung an den direkten Folgen der Hitze sterben. Zwar wird es in diesem Jahrhundert mit ziemlicher Sicherheit nicht ganz so heiß werden – auch wenn Modelle, die von unverminderten Emissionen ausgehen, uns langfristig durchaus in diesen Bereich führen –, doch schon weit vor Erreichen der Sieben-Grad-Marke würden sich, besonders in den Tropen, kritische Belastungsgrenzen bemerkbar machen. Entscheidend ist dabei die sogenannte Feuchtkugeltemperatur (Wet-Bulb-Temperatur) – ein Messwert, der so klingt, als stamme er aus einem Heimexperimentierkasten: Es handelt sich um die Temperatur, die ein Thermometer anzeigt, wenn es in eine feuchte Socke gewickelt und durch die Luft geschwenkt wird (da die Feuchtigkeit in trockener Luft schneller aus der Socke verdunstet, spiegelt dieser einzelne Wert sowohl die Hitze als auch die Luftfeuchtigkeit wider). Derzeit erreichen die meisten Regionen einen Feuchtkugel-Höchstwert von 26 oder 27 Grad Celsius; die eigentliche kritische Grenze für die Bewohnbarkeit liegt bei 35 Grad. Der sogenannte Hitzestress tritt jedoch schon deutlich früher ein.
Tatsächlich sind wir schon fast so weit. Seit 1980 hat sich die Zahl der Orte mit gefährlicher oder extremer Hitze weltweit verfünfzigfacht; und ein noch stärkerer Anstieg steht bevor. Die fünf wärmsten Sommer in Europa seit 1500 traten alle nach 2002 auf, und der IPCC warnt, dass es schon bald für weite Teile der Welt gesundheitsschädlich sein wird, sich zu dieser Jahreszeit im Freien aufzuhalten. Selbst wenn wir die Pariser Klimaziele von zwei Grad Celsius erreichen, werden Städte wie Karatschi und Kalkutta nahezu unbewohnbar werden und jährlich von tödlichen Hitzewellen heimgesucht, wie sie sie 2015 lahmlegten. Bei vier Grad Celsius wäre die tödliche Hitzewelle von 2003 in Europa, die bis zu 2.000 Menschenleben pro Tag forderte, ein normaler Sommer. Laut einer Studie der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die sich ausschließlich auf die Auswirkungen innerhalb der USA konzentriert, würde bei einem Temperaturanstieg von sechs Grad Celsius jegliche Sommerarbeit im unteren Mississippi-Tal unmöglich werden, und alle Menschen östlich der Rocky Mountains wären einer höheren Hitzebelastung ausgesetzt als heute irgendjemand irgendwo auf der Welt. Wie Joseph Romm in seinem Standardwerk „Klimawandel: Was jeder wissen muss“ ausführt, würde die Hitzebelastung in New York City diejenige im heutigen Bahrain, einem der heißesten Orte der Erde, übertreffen, und die Temperatur in Bahrain „würde selbst bei schlafenden Menschen Hyperthermie auslösen“.
Die optimistischste Schätzung des IPCC liegt wohlgemerkt noch zwei Grad höher. Bis zum Ende des Jahrhunderts, so schätzt die Weltbank, werden die kühlsten Monate im tropischen Südamerika, in Afrika und im Pazifik voraussichtlich wärmer sein als die wärmsten Monate am Ende des 20. Jahrhunderts. Klimaanlagen können zwar helfen, werden aber letztendlich das CO₂-Problem nur verschärfen. Abgesehen von den klimatisierten Einkaufszentren der arabischen Emirate ist es völlig unrealistisch, die Klimatisierung aller heißesten Regionen der Welt, von denen viele auch zu den ärmsten gehören, zu verhindern. Die Krise wird sich im Nahen Osten und am Persischen Golf besonders dramatisch auswirken, wo 2015 Temperaturen von bis zu 73 Grad Celsius gemessen wurden. Schon in wenigen Jahrzehnten wird die Hadsch für die zwei Millionen Muslime, die jedes Jahr die Pilgerfahrt unternehmen, unmöglich sein.
Doch nicht nur die Hadsch und nicht nur Mekka sind betroffen; die Hitze fordert bereits jetzt Opfer. In der Zuckerrohrregion El Salvadors leidet bis zu ein Fünftel der Bevölkerung an chronischer Nierenerkrankung, darunter über ein Viertel der Männer. Vermutlich ist dies auf die Dehydrierung bei der Feldarbeit zurückzuführen, die sie noch vor zwei Jahrzehnten problemlos einbringen konnten. Mit der teuren Dialyse haben Nierenkranke eine Lebenserwartung von fünf Jahren; ohne sie sinkt sie auf wenige Wochen. Natürlich wird uns Hitzestress auch an anderen Stellen als unseren Nieren zusetzen. Während ich diesen Satz schreibe, herrschen Mitte Juni in der kalifornischen Wüste draußen 49 Grad Celsius. Das ist kein Rekordwert.
III. Das Ende der Nahrungsmittelknappheit
Ein Gebet für Maisfelder in der Tundra. Klimazonen und Pflanzen variieren, doch die Grundregel für Grundnahrungsmittel wie Getreide, die bei optimalen Temperaturen angebaut werden, lautet: Mit jedem Grad Erwärmung sinken die Erträge um 10 Prozent. Manche Schätzungen gehen sogar von 15 oder 17 Prozent aus. Das bedeutet: Wenn die Erde am Ende des Jahrhunderts fünf Grad wärmer ist, müssen wir möglicherweise bis zu 50 Prozent mehr Menschen ernähren und haben 50 Prozent weniger Getreide zur Verfügung. Noch schlimmer sieht es bei Proteinen aus: Für die Herstellung von nur einer Kalorie Hackfleisch, das von einer Kuh stammt, die ihr Leben lang die Umwelt mit Methanemissionen belastet hat, werden 16 Kalorien Getreide benötigt. Optimistische Pflanzenphysiologen werden einwenden, dass diese Berechnung nur für Regionen gilt, in denen bereits optimale Wachstumstemperaturen herrschen, und damit haben sie Recht – theoretisch würde ein wärmeres Klima den Maisanbau in Grönland erleichtern. Doch wie die bahnbrechenden Arbeiten von Rosamond Naylor und David Battisti gezeigt haben, sind die Tropen bereits zu heiß für einen effizienten Getreideanbau, und die heutigen Anbaugebiete weisen bereits optimale Wachstumstemperaturen auf – das bedeutet, dass selbst eine geringe Erwärmung die Produktivität weiter sinken lassen wird. Ackerland lässt sich nicht einfach um einige hundert Kilometer nach Norden verlagern, da die Erträge in Regionen wie dem abgelegenen Kanada und Russland durch die dortige Bodenqualität begrenzt sind; es dauert Jahrhunderte, bis die Erde optimal fruchtbaren Boden hervorbringt.
Dürre könnte ein noch größeres Problem darstellen als Hitze, da sich einige der fruchtbarsten Böden der Welt schnell in Wüsten verwandeln. Niederschläge sind bekanntermaßen schwer zu modellieren, doch die Prognosen für das spätere Jahrhundert sind im Grunde einhellig: beispiellose Dürren fast überall dort, wo heute Lebensmittel produziert werden. Bis 2080 wird Südeuropa ohne drastische Emissionsreduzierungen unter einer permanenten extremen Dürre leiden, die weitaus schlimmer ist als die Staubstürme in den USA. Dasselbe gilt für den Irak, Syrien und weite Teile des Nahen Ostens. Einige der am dichtesten besiedelten Gebiete Australiens, Afrikas und Südamerikas sowie die Kornkammern Chinas. Keine dieser Regionen, die heute einen Großteil der weltweiten Nahrungsmittelversorgung sicherstellen, wird künftig verlässliche Nahrungsquellen sein. Was die ursprüngliche Dust Bowl betrifft: Laut einer NASA-Studie aus dem Jahr 2015 wären die Dürren in den amerikanischen Prärien und im Südwesten nicht nur schlimmer als in den 1930er Jahren, sondern schlimmer als alle Dürren der letzten tausend Jahre – einschließlich jener zwischen 1100 und 1300 n. Chr., die „alle Flüsse östlich der Sierra Nevada austrockneten“ und möglicherweise für den Untergang der Anasazi-Kultur verantwortlich waren.
Vergessen Sie nicht: Wir leben nicht in einer Welt ohne Hunger. Ganz im Gegenteil: Schätzungen zufolge leiden weltweit 800 Millionen Menschen an Unterernährung. Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben: In diesem Frühjahr hat eine beispiellose vierfache Hungersnot Afrika und den Nahen Osten heimgesucht. Die Vereinten Nationen haben davor gewarnt, dass es allein in diesem Jahr durch separate Hungersnöte in Somalia, Südsudan, Nigeria und Jemen zu 20 Millionen Toten kommen könnte.
IV. Klimaseuchen
Was geschieht, wenn das arktische Eis schmilzt? Gestein ist, am richtigen Ort, ein Zeugnis der Erdgeschichte – Jahrmillionen, die durch die geologischen Kräfte zu Schichten mit einer Dicke von nur wenigen Zentimetern oder sogar weniger zusammengepresst wurden. Eis funktioniert ähnlich, als Klimachronik, aber es ist auch eingefrorene Geschichte, von der ein Teil beim Auftauen wieder zum Leben erwachen kann. Im arktischen Eis sind nun Krankheitserreger eingeschlossen, die seit Millionen von Jahren nicht mehr in der Luft zirkulierten – in manchen Fällen seit der Zeit, bevor es Menschen gab, die ihnen begegneten. Das bedeutet, dass unser Immunsystem keine Ahnung hätte, wie es sich gegen diese prähistorischen Seuchen wehren soll, wenn sie aus dem Eis auftauchen. Die Arktis birgt auch furchterregende Krankheitserreger aus jüngerer Zeit. In Alaska haben Forscher bereits Überreste der Grippe von 1918 entdeckt, die bis zu 500 Millionen Menschen infizierte und bis zu 100 Millionen tötete – etwa 5 Prozent der Weltbevölkerung und fast sechsmal so viele Tote wie im Weltkrieg, dessen grausamer Höhepunkt die Pandemie bildete. Wie die BBC im Mai berichtete, vermuten Wissenschaftler, dass auch Pocken und die Pest im sibirischen Eis eingeschlossen sind – eine verkürzte Geschichte verheerender menschlicher Krankheiten, die wie Eiersalat in der arktischen Sonne zurückgelassen wurde.
Experten warnen davor, dass viele dieser Organismen das Auftauen nicht überleben werden, und verweisen auf die anspruchsvollen Laborbedingungen, unter denen sie bereits einige von ihnen wiederbelebt haben – die 32.000 Jahre alten „extremophilen“ Bakterien, die 2005 wiederbelebt wurden, ein 8 Millionen Jahre altes Bakterium, das 2007 wieder zum Leben erweckt wurde, und das 3,5 Millionen Jahre alte Bakterium, das sich ein russischer Wissenschaftler aus reiner Neugier selbst injizierte –, um zu vermuten, dass dies notwendige Bedingungen für die Rückkehr solcher uralten Seuchen sind. Doch bereits im letzten Jahr wurde ein Junge getötet und 20 weitere mit Milzbrand infiziert, als der zurückweichende Permafrost den gefrorenen Kadaver eines Rentiers freilegte, das mindestens 75 Jahre zuvor von den Bakterien getötet worden war; 2.000 heutige Rentiere wurden ebenfalls infiziert und trugen die Krankheit über die Tundra hinaus in sich und verbreiteten sie.
Was Epidemiologen mehr beunruhigt als uralte Krankheiten, sind bereits existierende Seuchen, die durch die Erderwärmung verlagert, verändert oder gar neu entstanden sind. Der erste Effekt ist geografischer Natur. Vor der frühen Neuzeit, als abenteuerliche Segelboote die Vermischung von Völkern und ihren Insekten beschleunigten, schützte die Abgeschiedenheit der Menschen vor Pandemien. Heute, trotz Globalisierung und der enormen Durchmischung der Bevölkerung, sind unsere Ökosysteme größtenteils stabil, was eine weitere Grenze darstellt. Doch die globale Erwärmung wird diese Ökosysteme durcheinanderbringen und Krankheiten helfen, diese Grenzen ebenso sicher zu überschreiten wie einst Cortés. Wer in Maine oder Frankreich lebt, macht sich keine großen Sorgen um Denguefieber oder Malaria. Doch mit der Ausbreitung der Tropen nach Norden und der damit einhergehenden Migration der Mücken wird sich das ändern. Auch vor einigen Jahren machte man sich um das Zika-Virus noch keine großen Sorgen.
V. Unerträgliche Luft
Ein tödlicher, anhaltender Nebel, der Millionen Menschen erstickt.
Unsere Lungen benötigen Sauerstoff, doch dieser macht nur einen Bruchteil dessen aus, was wir einatmen. Der Kohlendioxidanteil steigt: Er hat gerade die Marke von 400 ppm überschritten, und optimistischere Schätzungen, die die aktuellen Trends hochrechnen, gehen davon aus, dass er bis 2100 1.000 ppm erreichen wird. Bei dieser Konzentration sinkt die menschliche kognitive Leistungsfähigkeit im Vergleich zur heutigen Luftqualität um 21 %.
Andere Substanzen in wärmerer Luft sind noch beunruhigender: Bereits geringe Zunahmen der Luftverschmutzung können die Lebenserwartung um zehn Jahre verkürzen. Je wärmer der Planet wird, desto mehr Ozon bildet sich, und bis Mitte des Jahrhunderts werden die Amerikaner laut Prognosen des National Center for Atmospheric Research voraussichtlich einen Anstieg des schädlichen Ozon-Smogs um 70 % erleiden. Bis 2090 werden weltweit etwa zwei Milliarden Menschen Luft atmen, die über dem von der WHO festgelegten „sicheren“ Grenzwert liegt. Eine im letzten Monat veröffentlichte Studie zeigte, dass die Ozonbelastung einer Schwangeren unter anderem das Risiko für Autismus beim Kind erhöht (bis zu zehnfach, in Kombination mit anderen Umweltfaktoren). Dies veranlasst uns, die Autismus-Epidemie in West Hollywood neu zu überdenken.
Mehr als 10.000 Menschen sterben bereits täglich an den Folgen der Feinstaubbelastung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe; jährlich sterben 339.000 Menschen an den Folgen von Waldbränden, unter anderem weil der Klimawandel die Waldbrandsaison verlängert hat (in den USA hat sie sich seit 1970 um 78 Tage verlängert). Laut dem US Forest Service werden Waldbrände bis 2050 doppelt so zerstörerisch sein wie heute; stellenweise könnte sich die verbrannte Fläche sogar verfünffachen. Was die Menschen noch mehr beunruhigt, sind die Auswirkungen auf die Emissionen, insbesondere wenn Brände Wälder verwüsten, die in Torfgebieten entstanden sind. Die Torfbrände in Indonesien im Jahr 1997 beispielsweise erhöhten die globalen CO₂-Emissionen um bis zu 40 %. Mehr Brände bedeuten mehr Erwärmung, was wiederum zu noch mehr Bränden führt. Hinzu kommt die beängstigende Möglichkeit, dass Regenwälder wie der Amazonas, der 2010 innerhalb von fünf Jahren seine zweite Jahrhundertdürre erlebte, so weit austrocknen könnten, dass sie anfällig für verheerende, großflächige Waldbrände werden. Diese würden nicht nur enorme Mengen an Kohlenstoff in die Atmosphäre freisetzen, sondern auch die Fläche des Waldes verringern. Dies ist besonders verheerend, da allein der Amazonas 20 % unseres Sauerstoffs produziert.
Es gibt aber auch die bekannteren Formen der Umweltverschmutzung. 2013 veränderte das schmelzende arktische Eis die asiatischen Wettermuster und beraubte das Industriegebiet Chinas seiner natürlichen Belüftungsmechanismen, auf die es angewiesen war. Dies führte dazu, dass weite Teile des Nordens des Landes in einen unerträglichen Dunst gehüllt wurden. Buchstäblich unerträglich. Der sogenannte Luftqualitätsindex (AQI) kategorisiert Risiken und erreicht Spitzenwerte zwischen 301 und 500. Bei diesem Wert warnt er vor einer „starken Verschlechterung von Herz- oder Lungenerkrankungen und vorzeitigem Tod bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und älteren Menschen“ und für alle anderen vor einem „starken Risiko von Atemwegserkrankungen“. Ab diesem Wert „sollte jeder körperliche Anstrengung im Freien vermeiden“. Die Luftverschmutzungskatastrophe in China im Jahr 2013 erreichte ihren Höhepunkt bei einem AQI-Wert von über 800. In diesem Jahr war die Luftverschmutzung für ein Drittel aller Todesfälle im Land verantwortlich.
VI. Ewiger Krieg
Die Gewalt, die in der Hitze steckt.
Klimaforscher sind sehr vorsichtig, wenn sie über Syrien sprechen. Sie legen Wert auf die Feststellung, dass der Klimawandel zwar eine Dürre verursachte, die zum Bürgerkrieg beitrug, es aber nicht ganz zutreffend wäre, den Konflikt schlicht als Folge der Erwärmung zu bezeichnen; im benachbarten Libanon etwa kam es zu denselben Ernteausfällen. Doch Forschern wie Marshall Burke und Solomon Hsiang ist es gelungen, einige der weniger offensichtlichen Zusammenhänge zwischen Temperatur und Gewalt zu quantifizieren: Pro halbem Grad Erwärmung, so ihre Erkenntnis, steigt die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Konflikte in Gesellschaften um 10 bis 20 Prozent. In der Klimawissenschaft ist nichts einfach, doch die Rechnung ist erschütternd: Auf einem um fünf Grad wärmeren Planeten gäbe es mindestens anderthalbmal so viele Kriege wie heute. Insgesamt könnten sich soziale Konflikte in diesem Jahrhundert mehr als verdoppeln.
Dies ist ein Grund dafür, warum sich das US-Militär – wie fast jeder Klimaforscher, mit dem ich sprach, betonte – so intensiv mit dem Klimawandel befasst: Die Überflutung sämtlicher US-Marinebasen durch den Meeresspiegelanstieg ist bereits ein ernstes Problem, doch die Rolle des „Weltpolizisten“ lässt sich ungleich schwerer ausfüllen, wenn sich die Kriminalitätsrate verdoppelt. Natürlich ist Syrien nicht der einzige Ort, an dem das Klima zu Konflikten beigetragen hat. Manche vermuten, dass die verstärkten Unruhen im Nahen Osten der letzten Generation den Druck der globalen Erwärmung widerspiegeln – eine Hypothese, die umso grausamer erscheint, wenn man bedenkt, dass sich die Erwärmung genau dann beschleunigte, als die Industrieländer begannen, das Öl der Region zu fördern und zu verbrennen.
Was erklärt den Zusammenhang zwischen Klima und Konflikt? Ein Teil davon ist auf Landwirtschaft und Wirtschaft zurückzuführen; vieles hängt mit erzwungener Migration zusammen – ein Phänomen, das bereits ein Rekordniveau erreicht hat, da derzeit mindestens 65 Millionen Vertriebene auf der Welt unterwegs sind. Doch es gibt auch die schlichte Tatsache der individuellen Reizbarkeit. Hitze lässt die Kriminalitätsraten in Städten steigen, ebenso wie die Häufigkeit von Beschimpfungen in sozialen Medien oder die Wahrscheinlichkeit, dass ein Pitcher in der Major League – nachdem ein Teamkollege von einem Wurf getroffen wurde – als Vergeltungsmaßnahme einen gegnerischen Schlagmann trifft. Auch die Einführung der Klimaanlage in der entwickelten Welt Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat wenig dazu beigetragen, das Problem der sommerlichen Kriminalitätswelle zu lösen.
VII. Dauerhafter wirtschaftlicher Zusammenbruch
Ein trostloser Kapitalismus in einer deutlich ärmeren Welt.
Das Mantra des globalen Neoliberalismus, das die Zeit zwischen dem Ende des Kalten Krieges und dem Beginn der Großen Rezession prägte, lautete: Wirtschaftswachstum würde uns vor allem bewahren.
Doch nach dem Börsencrash von 2008 begannen immer mehr Historiker, die sich mit dem sogenannten „fossilen Kapitalismus“ befassen, die These zu vertreten, dass die gesamte Geschichte des rasanten Wirtschaftswachstums – das im 18. Jahrhundert recht plötzlich einsetzte – nicht auf Innovationen, Handel oder die Dynamik des globalen Kapitalismus zurückzuführen sei, sondern schlicht auf die Entdeckung fossiler Brennstoffe und deren gewaltige Energie. Es handelte sich um eine einmalige Zufuhr neuen „Werts“ in ein System, das zuvor von weltweiter Subsistenzwirtschaft geprägt war. Vor der Ära der fossilen Brennstoffe lebte niemand besser als seine Eltern, Großeltern oder Vorfahren vor 500 Jahren – abgesehen von der Zeit unmittelbar nach großen Seuchen wie dem Schwarzen Tod, als die wenigen Überlebenden die durch Massengräber frei gewordenen Ressourcen für sich beanspruchen konnten.
Sobald wir alle fossilen Brennstoffe verbrannt haben, so die Vermutung dieser Forscher, werden wir womöglich zu einer Weltwirtschaft im „stationären Zustand“ zurückkehren. Natürlich hat dieser einmalige Energieschub einen verheerenden langfristigen Preis: den Klimawandel.
Auch die aufschlussreichsten Forschungsarbeiten zur Ökonomie der Erderwärmung stammen von Hsiang und seinen Kollegen. Sie sind zwar keine Historiker des fossilen Kapitalismus, liefern aber dennoch äußerst düstere Analysen: Jedes Grad Celsius Erwärmung kostet im Durchschnitt 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (ein enormer Wert, wenn man bedenkt, dass bereits Wachstumsraten im niedrigen einstelligen Bereich als „stark“ gelten). Ihre Arbeit gilt als wegweisend auf diesem Gebiet; ihrer mittleren Prognose zufolge wird das weltweite Pro-Kopf-Einkommen bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 23 Prozent sinken (bedingt durch Veränderungen in den Bereichen Landwirtschaft, Kriminalität, Stürme, Energieversorgung, Sterblichkeit und Arbeitswelt).
Noch beängstigender ist der Verlauf der Wahrscheinlichkeitskurve: Den Forschern zufolge besteht eine Wahrscheinlichkeit von 12 Prozent, dass der Klimawandel die weltweite Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2100 um mehr als 50 Prozent verringert, und eine Wahrscheinlichkeit von 51 Prozent, dass das Pro-Kopf-BIP bis dahin um 20 Prozent oder mehr sinkt – sofern die Emissionen nicht zurückgehen. Zum Vergleich: Die Große Rezession ließ das weltweite Bruttoinlandsprodukt durch einen einmaligen Schock um etwa 6 Prozent schrumpfen; Hsiang und seine Kollegen schätzen die Wahrscheinlichkeit auf eins zu acht, dass es bis Ende des Jahrhunderts zu dauerhaften und unumkehrbaren Auswirkungen kommt, die achtmal schwerwiegender sind.
Das Ausmaß dieser wirtschaftlichen Verwüstung ist kaum zu begreifen, doch man kann sich zunächst vorstellen, wie die Welt heute aussähe, wenn die Wirtschaft nur halb so groß wäre – wenn sie also nur die Hälfte an Wertschöpfung erbrächte und nur halb so viel zu bieten hätte für die Arbeitnehmer der Welt. Angesichts dessen erscheinen die Flugausfälle im vergangenen Monat in der von extremer Hitze geplagten Stadt Phoenix wie eine wirtschaftliche Bagatelle. Zudem lässt sich die Vorstellung, staatliche Maßnahmen zur Emissionsminderung aufzuschieben und sich bei der Problemlösung allein auf Wachstum und Technologie zu verlassen, als geradezu absurde wirtschaftliche Kalkulation entlarven.
Man sollte dabei bedenken: Jeder Hin- und Rückflug zwischen New York und London kostet die Arktis weitere drei Quadratmeter Eis.
VIII. Vergiftete Ozeane
Sulfid-Ausgasungen vor der Skelettküste.
Dass das Meer zur tödlichen Gefahr wird, ist gewiss. Ohne eine drastische Reduzierung der Emissionen werden wir bis zum Ende des Jahrhunderts einen Meeresspiegelanstieg von mindestens 1,20 Metern (vier Fuß) und möglicherweise drei Metern (zehn Fuß) erleben. Ein Drittel der wichtigsten Städte der Welt liegt an der Küste – ganz zu schweigen von Kraftwerken, Häfen, Marinestützpunkten, Ackerflächen, Fischereigebieten, Flussdeltas, Marschland und Reisanbaugebieten. Selbst Gebiete, die mehr als drei Meter über dem heutigen Meeresspiegel liegen, würden bei einem solchen Anstieg viel leichter und häufiger überflutet. Heute leben mindestens 600 Millionen Menschen in einer Höhe von weniger als zehn Metern über dem Meeresspiegel.
Doch der Verlust dieser Lebensräume ist erst der Anfang. Derzeit nehmen die Ozeane mehr als ein Drittel des weltweiten Kohlenstoffs auf – Gott sei Dank, denn sonst wäre die Erderwärmung bereits deutlich stärker ausgefallen. Die Folge ist jedoch die sogenannte „Ozeanversauerung“, die für sich genommen in diesem Jahrhundert zu einer zusätzlichen Erwärmung um ein halbes Grad führen könnte. Sie setzt zudem den Gewässern des Planeten – jenen Orten, an denen einst das Leben entstand – massiv zu. Sie haben sicher schon von der „Korallenbleiche“ gehört – also dem Absterben von Korallen. Das ist eine verheerende Entwicklung, denn Riffe beherbergen bis zu einem Viertel aller Meereslebewesen und dienen einer halben Milliarde Menschen als Nahrungsquelle. Die Ozeanversauerung wird auch Fischbestände direkt schädigen, wenngleich Wissenschaftler noch nicht genau vorhersagen können, welche Auswirkungen dies auf die Arten haben wird, die wir als Nahrung aus dem Meer holen. Bekannt ist jedoch, dass Austern und Muscheln in saurem Wasser Schwierigkeiten haben, ihre Schalen zu bilden, und dass ein Absinken des pH-Werts im menschlichen Blut in einem Ausmaß, wie es bei den Ozeanen in der letzten Generation geschehen ist, zu Krampfanfällen, Koma und plötzlichem Tod führt.
Das ist noch nicht alles, was die Ozeanversauerung bewirken kann. Die Kohlenstoffaufnahme kann eine Rückkopplungsschleife in Gang setzen, bei der sauerstoffarme Gewässer das Wachstum bestimmter Mikroben begünstigen; diese machen das Wasser noch „anoxischer“ – zunächst in den „Todeszonen“ der Tiefsee, dann allmählich bis hinauf zur Oberfläche. Dort sterben kleine Fische, weil sie nicht mehr atmen können; dies wiederum lässt sauerstoffzehrende Bakterien gedeihen, wodurch sich der Rückkopplungsprozess selbst verstärkt. Dieser Prozess, bei dem sich Todeszonen wie Krebsgeschwüre ausbreiten, das Meeresleben ersticken und Fischgründe vernichten, ist in Teilen des Golfs von Mexiko und vor der Küste Namibias bereits weit fortgeschritten; dort sprudelt Schwefelwasserstoff aus dem Meer – entlang eines rund 1600 Kilometer langen Küstenstreifens, der als „Skelettküste“ bekannt ist. Der Name bezog sich ursprünglich auf die Überreste des Walfangs, ist heute jedoch treffender denn je. Schwefelwasserstoff ist so giftig, dass die Evolution uns darauf programmiert hat, selbst winzige, noch ungefährliche Spuren davon wahrzunehmen – weshalb unsere Nasen so außerordentlich gut darin sind, Blähungen zu registrieren. Schwefelwasserstoff war zudem jener Stoff, der uns seinerzeit den Garaus machte, als 97 Prozent allen Lebens auf der Erde ausgelöscht wurden – nachdem alle Rückkopplungsschleifen in Gang gesetzt worden waren und die Strömungen des erwärmten Ozeans zum Erliegen gekommen waren; es ist das Gas, das der Planet für eine natürliche Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß bevorzugt. Nach und nach breiteten sich die Todeszonen der Ozeane aus und vernichteten Meeresarten, die die Weltmeere über Hunderte Millionen Jahre hinweg beherrscht hatten, während das Gas, das die trägen Wassermassen an die Atmosphäre abgaben, alles an Land vergiftete. Auch die Pflanzenwelt. Es dauerte Millionen von Jahren, bis sich die Ozeane wieder erholten.
IX. Der Große Filter
Die gegenwärtige Unheimlichkeit kann nicht von Dauer sein.
Warum also können wir sie nicht sehen? In seinem jüngsten, buchlangen Essay *The Great Derangement* fragt sich der indische Romanautor Amitav Ghosh, warum die globale Erwärmung und Naturkatastrophen nicht zu zentralen Themen der zeitgenössischen Belletristik geworden sind – warum wir uns die Klimakatastrophe offenbar nicht vorstellen können und warum es noch keine Welle von Romanen in jenem Genre gibt, das er gewissermaßen herbeidenkt und als „das Unheimliche der Umwelt“ (*the environmental uncanny*) bezeichnet. „Denken Sie zum Beispiel an die Geschichten, die sich um Fragen ranken wie: ‚Wo waren Sie, als die Berliner Mauer fiel?‘ oder ‚Wo waren Sie am 11. September?‘“, schreibt er. „Wird es jemals möglich sein, in ähnlicher Weise zu fragen: ‚Wo waren Sie bei 400 ppm?‘ oder ‚Wo waren Sie, als das Larsen-B-Schelfeis zerbrach?‘“ Seine Antwort: Wahrscheinlich nicht, denn die Dilemmata und Dramen des Klimawandels sind schlichtweg unvereinbar mit der Art von Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen – insbesondere in Romanen, die eher den Weg eines individuellen Gewissens betonen als das giftige Miasma gesellschaftlichen Schicksals.
Gewiss wird diese Blindheit nicht ewig währen – die Welt, in der wir künftig leben werden, wird sie nicht zulassen. In einer um sechs Grad wärmeren Welt wird das Ökosystem der Erde von so vielen Naturkatastrophen aufgewühlt sein, dass wir sie schlicht als „Wetter“ bezeichnen werden: ein ständiger Schwarm außer Kontrolle geratener Taifune, Tornados, Überschwemmungen und Dürren; der Planet wird regelmäßig von Klimaereignissen heimgesucht, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit ganze Zivilisationen vernichtet haben. Die stärksten Hurrikans werden häufiger auftreten, und wir werden neue Kategorien erfinden müssen, um sie zu beschreiben; Tornados werden länger und breiter werden und weitaus häufiger zuschlagen, und die Hagelkörner werden ihre Größe vervierfachen. Früher beobachteten die Menschen das Wetter, um die Zukunft vorherzusagen; künftig werden wir in seinem Zorn die Rache der Vergangenheit erkennen. Frühe Naturforscher sprachen oft von der „Deep Time“ – jener Wahrnehmung der tiefen Langsamkeit der Natur, die sich ihnen beim Anblick der Erhabenheit dieses Tals oder jenes Felsbeckens erschloss. Was uns bevorsteht, gleicht eher dem, was Anthropologen des viktorianischen Zeitalters als „Traumzeit“ oder „Allzeit“ (everywhen) bezeichneten: jener halb-mythischen Erfahrung – wie sie von den Aborigines Australiens beschrieben wird –, im gegenwärtigen Augenblick einer zeitlosen Vergangenheit zu begegnen, in der Ahnen, Helden und Halbgötter eine epische Bühne bevölkerten. Man kann dieses Gefühl bereits erleben, wenn man Aufnahmen davon sieht, wie ein Eisberg ins Meer stürzt – das Gefühl, dass Geschichte sich in einem einzigen Moment konzentriert.
Und so ist es auch. Viele Menschen betrachten den Klimawandel als eine Art moralische und wirtschaftliche Schuld, die sich seit Beginn der Industriellen Revolution angehäuft hat und nach mehreren Jahrhunderten nun fällig geworden ist – eine in gewisser Weise hilfreiche Sichtweise, denn es waren die Prozesse der Kohlenstoffverbrennung, die im England des 18. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen und die Lunte an all das legten, was folgte. Doch mehr als die Hälfte des Kohlenstoffs, den die Menschheit in ihrer gesamten Geschichte in die Atmosphäre ausgestoßen hat, wurde in den letzten drei Jahrzehnten freigesetzt; seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind es sogar 85 Prozent. Das bedeutet, dass die globale Erwärmung uns innerhalb einer einzigen Generation an den Rand einer planetaren Katastrophe geführt hat und dass die Geschichte dieser Kamikaze-Mission der Industriewelt zugleich die Geschichte eines einzigen Menschenlebens ist. Etwa das meines Vaters: Geboren 1938, gehören zu seinen ersten Erinnerungen die Nachrichten über Pearl Harbor und die mythisch überhöhte Luftwaffe aus den darauf folgenden Propagandafilmen – Filme, die zugleich als Werbung für die imperial-amerikanische Industriemacht dienten; zu seinen letzten Erinnerungen zählen die Berichte über die verzweifelte Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens im Nachrichtensender, zehn Wochen bevor er im vergangenen Juli an Lungenkrebs starb. Oder das meiner Mutter: Geboren 1945 als Kind deutscher Juden, die vor den Schornsteinen geflohen waren, in denen ihre Verwandten verbrannt worden waren; heute genießt sie ihr 72. Lebensjahr in einem amerikanischen Paradies des Konsums – einem Paradies, das von den Lieferketten einer industrialisierten Entwicklungswelt gestützt wird. Seit 57 Jahren raucht sie nun schon – Zigaretten ohne Filter.
Oder die der Wissenschaftler. Einige der Männer, die als Erste den Klimawandel erkannten – und angesichts der damaligen Generation waren es Männer, die Berühmtheit erlangten –, leben noch; einige sind sogar noch berufstätig. Wally Broecker ist 84 Jahre alt und fährt jeden Tag von der Upper West Side aus über den Hudson zur Arbeit am Lamont-Doherty Earth Observatory. Wie die meisten derer, die früh Alarm schlugen, ist er der Ansicht, dass eine bloße Reduzierung der Emissionen nicht ausreicht, um die Katastrophe wirksam abzuwenden. Stattdessen setzt er auf „Carbon Capture“ – eine noch nicht erprobte Technologie zur Abscheidung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre, deren Kosten Broecker auf mindestens mehrere Billionen Dollar schätzt – sowie auf verschiedene Formen des „Geoengineering“. Dieser Sammelbegriff umfasst eine Reihe von hochambitionierten, geradezu utopischen Technologien, die vielen Klimaforschern so abwegig erscheinen, dass sie sie eher als Träume – oder Albträume – aus der Science-Fiction betrachten. Sein besonderes Augenmerk gilt dem sogenannten Aerosol-Ansatz: Dabei wird so viel Schwefeldioxid in die Atmosphäre freigesetzt, dass es sich in Schwefelsäure umwandelt, ein Fünftel des Horizonts eintrübt und zwei Prozent der Sonnenstrahlen reflektiert – was dem Planeten zumindest etwas Spielraum in Bezug auf die Erwärmung verschaffen würde. „Natürlich würde das unsere Sonnenuntergänge tiefrot färben, den Himmel bleichen und zu mehr saurem Regen führen“, sagt er. „Aber man muss das Ausmaß des Problems sehen. Man darf nicht den Fehler machen, ein gewaltiges Problem nicht lösen zu wollen, nur weil die Lösung einige kleinere Probleme verursacht.“ Er selbst werde das nicht mehr erleben, sagte er mir. „Aber zu Ihren Lebzeiten …“
Jim Hansen ist ein weiteres Mitglied dieser Generation von Pionieren. Er wurde 1941 geboren, arbeitete als Klimaforscher an der University of Iowa und entwickelte das bahnbrechende „Zero Model“ zur Prognose des Klimawandels. Später leitete er die Klimaforschung der NASA, verließ die Behörde jedoch unter Druck, nachdem er – noch als Bundesangestellter – die Regierung wegen Untätigkeit in der Klimapolitik verklagt hatte (nebenbei wurde er bei Protestaktionen auch mehrfach festgenommen). Die Klage, die von der Organisation „Our Children’s Trust“ eingereicht wurde und oft unter dem Motto „Kinder gegen den Klimawandel“ steht, stützt sich auf den Grundsatz der Gleichbehandlung (Equal Protection Clause): Die Regierung verletze diesen Grundsatz, indem sie angesichts der Erderwärmung untätig bleibe und künftigen Generationen dadurch enorme Kosten aufbürde; die Verhandlung vor dem Bezirksgericht in Oregon ist für diesen Winter angesetzt. Hansen hat inzwischen den Ansatz aufgegeben, das Klimaproblem allein durch eine CO2-Steuer zu lösen – was zuvor sein bevorzugter Weg gewesen war –, und berechnet nun die Gesamtkosten für eine zusätzliche Maßnahme: die Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre.
*This article appears in the July 10, 2017, issue of New York Magazine.
Hansen begann seine Laufbahn mit der Erforschung der Venus – einst ein erdähnlicher Planet mit reichlich lebensnotwendigem Wasser, bevor ein außer Kontrolle geratener Klimawandel ihn rasch in eine trockene, unbewohnbare und von einer unatembaren Gashülle umgebene Kugel verwandelte. Mit 30 Jahren verlagerte er seinen Forschungsschwerpunkt auf unseren eigenen Planeten; er fragte sich, warum er durch das Sonnensystem spähen sollte, um rasche Umweltveränderungen zu untersuchen, wenn er diese direkt um sich herum auf dem Planeten beobachten konnte, auf dem er stand. „Als wir 1981 unsere erste Arbeit zu diesem Thema verfassten“, erzählte er mir, „sagte ich zu einem meiner Koautoren: ‚Das wird sehr interessant werden. Irgendwann im Laufe unserer Karriere werden wir erleben, wie diese Dinge tatsächlich geschehen.‘“
Mehrere der Wissenschaftler, mit denen ich sprach, sahen in der globalen Erwärmung eine mögliche Lösung für das berühmte Fermi-Paradoxon, das die Frage aufwirft: Wenn das Universum so riesig ist, warum sind wir dann noch auf kein anderes intelligentes Leben gestoßen? Die Antwort, so ihre Vermutung, liegt darin, dass die natürliche Lebensdauer einer Zivilisation womöglich nur einige tausend Jahre beträgt – und die einer Industriegesellschaft vielleicht sogar nur wenige hundert. In einem Universum, das viele Milliarden Jahre alt ist und in dem Sternsysteme ebenso sehr durch Zeit wie durch Raum voneinander getrennt sind, könnten Zivilisationen entstehen, sich entwickeln und sich selbst zugrunde richten – und das alles schlicht zu schnell, als dass sie jemals aufeinandertreffen könnten. Peter Ward, ein charismatischer Paläontologe und Mitentdecker der Tatsache, dass Treibhausgase für die Massenaussterbeereignisse der Erdgeschichte verantwortlich waren, bezeichnet dieses Phänomen als den „Großen Filter“: „Zivilisationen entstehen, doch es gibt einen Umweltfilter, der dazu führt, dass sie wieder aussterben und recht schnell verschwinden“, erklärte er mir. „Betrachtet man die Erde, so zeigten sich diese Filtermechanismen in der Vergangenheit in Form von Massenaussterben.“ Das Massenaussterben, das wir derzeit durchleben, hat gerade erst begonnen; es steht uns noch ein gewaltiges Sterben bevor.
Und doch ist Ward – wider Erwarten – ein Optimist. Ebenso wie Broecker, Hansen und viele der anderen Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe. Wir haben rund um den Klimawandel keine Sinnstiftung oder Religion entwickelt, die uns angesichts einer möglichen Vernichtung Trost oder einen Lebenszweck bieten könnte. Doch Klimaforscher hegen eine eigenartige Zuversicht: Wir werden einen Weg finden, eine radikale Erwärmung abzuwenden, sagen sie – weil wir es müssen. Es ist schwer zu beurteilen, inwieweit man aus dieser düsteren Gewissheit Zuversicht schöpfen oder sich fragen sollte, ob es sich dabei nicht um eine weitere Form der Selbsttäuschung handelt; denn damit die globale Erwärmung als Gleichnis taugt, muss natürlich jemand überleben, der die Geschichte erzählen kann. Wissenschaftler wissen: Um auch nur die Pariser Klimaziele zu erreichen, müssen die CO2-Emissionen aus Energieerzeugung und Industrie – die derzeit noch steigen – bis 2050 in jedem Jahrzehnt halbiert werden; die Emissionen aus der Landnutzung (Abholzung, Methanausstoß von Rindern usw.) müssen auf null sinken; und wir müssen Technologien entwickeln, die jährlich doppelt so viel Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernen, wie es derzeit die gesamte Vegetation des Planeten tut. Dennoch hegen die Wissenschaftler im Großen und Ganzen ein enormes Vertrauen in den menschlichen Erfindungsreichtum – ein Vertrauen, das womöglich durch ihr Verständnis des Klimawandels gestärkt wird, handelt es sich dabei doch ebenfalls um ein von Menschen verursachtes Phänomen. Sie verweisen auf das Apollo-Programm, das in den 1980er-Jahren geschlossene Ozonloch und das Schwinden der Angst vor der gegenseitigen nuklearen Vernichtung. Wir haben einen Weg gefunden, unseren eigenen Weltuntergang herbeizuführen, und wir werden sicherlich auch einen Weg finden, uns – auf die eine oder andere Weise – wieder daraus zu befreien. Der Planet ist es nicht gewohnt, auf diese Weise herausgefordert zu werden, und Klimasysteme, deren Rückkopplungen sich über Jahrhunderte oder Jahrtausende erstrecken, verhindern, dass wir uns das bereits angerichtete Unheil in vollem Umfang vor Augen führen – selbst wenn wir das Geschehen aufmerksam verfolgen. Doch sobald wir die Welt, die wir geschaffen haben, wirklich sehen, so heißt es, werden wir auch einen Weg finden, sie bewohnbar zu machen. Die Alternative ist für sie schlicht unvorstellbar.
*Dieser Artikel erschien in der Ausgabe des *New York Magazine* vom 10. Juli 2017.
Dieser Artikel wurde aktualisiert, um Kontext zu den jüngsten Berichten über Überarbeitungen eines Satellitendatensatzes zu liefern, die Erwärmungsrate während des Paläozän-Eozän-Temperaturmaximums präziser darzustellen, einen Verweis auf Peter Brannens Buch *The Ends of the World* zu präzisieren und klarzustellen, dass James Hansen weiterhin einen auf einer CO₂-Steuer basierenden Ansatz zur Emissionsminderung befürwortet.
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