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Ulrich Joho
„EBERSBACHER GESCHICHTEN. Vorbereitet für den Abtransport. Die letzten Maschinen werden verscherbelt. Ebersbach, Januar 1991“


 
Wir haben uns geduckt bis zuletzt
 
Liesel Meihack hatte 1951 im Jugendwebsaal angefangen, als Spulerin,
Küchen- und Kehrfrau, Lagerarbeiterin gearbeitet, dann in der Weberei als Lehrausbilderin. Liesel Meihack lebt mit ihrem Mann Helmut, der an den Rollstuhl gefesselt ist, in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im Ebersbacher Plattenbauviertel Oberland. Helmut war Zimmermann, immer auf Montage, bis Liesel ihn dann als Transportarbeiter in die Weberei nahm.
 
„Ich war ja von Beruf Weberin, arbeitete im Schlitzen-Schlag als Einführerin für die Schiffchen. Als dann die neuen Jeansstoff-Maschinen aus der Schweiz kamen, wurde meine Arbeit nicht mehr gebraucht. In den letzten beiden Jahren machte ich mich noch in der kleinen Kantine am Websaal nützlich. Wenn Delegationen kamen, durften wir die Herren bedienen. Die wurden nur durch solche Gänge geführt, die vorher ordentlich geputzt worden waren. Es gab ja viele Stellen in der Weberei, wo es reinregnete.
 
Sie würden uns holen, wenn wir wieder gebraucht würden, war uns
damals versprochen worden. Das war kein schönes Gefühl aus dem
Fenster zu schauen, wenn andere früh zur Arbeit gingen. Wir älteren hatten ja immer noch gehofft und uns geduckt und pariert bis zuletzt.“
 
Ich habe fünf Töchter. Und von den neun Enkeln sind acht wieder Mädchen. Es gab noch keine Scheidung, alle sind glücklich. Nur mit Urenkeln hat es leider noch nicht geklappt.
6 000 Mark Abfindung hatte ich damals bekommen, mein Mann nur 1 200, weil er ja nicht so lange im Betrieb war. Ein Schwiegersohn arbeitete in der Weberei als Hilfsmeister und ist heute Polizist.
Das war schon eine schöne Zeit früher. Wir konnten im Betrieb verbilligt Bettwäsche kaufen und Jeans, wir feierten unsere Sommer- und auch Weihnachtsfeste gemeinsam. Drei Mal wurde ich als Aktivist ausgezeichnet, erhielt die Bestarbeiternadel und einen FDGB-Ferienplatz in Groß Schönau.
 
Wir sind nur noch zwei, manchmal drei von damals, die sich ab und an treffen. Der eine weint dann immer. Er kann das alles einfach nicht verkraften. 1991 war ich mit meinem Mann in Rom, dann in Kanada und den USA. Vom Geld her könnten wir noch mehr verreisen, das ist aber wegen des Rollstuhls schlecht.“
 
Tochter Monika Tillack: „Wir brauchten uns damals um nichts zu kümmern. Das ging alles seinen Gang. Auch mit den FDGB-Ferienplätzen. Wer keine schulpflichtigen Kinder hatte, durfte natürlich nicht in der Hauptsaison fahren. Mutti war mal zu einer Auszeichnung ins Interhotel Potsdam eingeladen. Und dann gab es noch eine Fahrt nach Polen dazu.
Wir reden aber kaum noch über früher, höchstens bei Familienfeiern.“
 Liesel Meihack: „Mein Mann brachte als Monteur einen Zettel vom Kombinat Schwarze Pumpe mit, mit diesem Berechtigungsschein durften wir eine Waschmaschine kaufen. Als Mutter von fünf Kindern kämpfte ich, bis ich eine Viereinhalb-Zimmer-Neubauwohnung zugewiesen bekam.
Zu meiner Abschiedsfeier hatte die Brigade gesammelt und ein elektrisches Fleischmesser gekauft. Und aus Jeansstoff hatten sie eine kleine Mappe mit allen Unterschriften gebastelt. Alle haben gesungen. Da wollte ich mich am liebsten gleich verdrücken. Dem Meister ging das auch sehr nahe.
Viel, die allein sind, haben’s heute schwer. Bei uns im Viertel hier gibt es eine Menge Arme.
 
Kategorie: Stillleben
Rubrik: Objekte
Hochgeladen: 24.05.2014
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Keywords: Ebersbach, Oberlausitz,
Textilindustrie,
Arbeitslosigkeit, Januar
1991


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